Schrift und Raum – Die TYPO Berlin 2010

„Es gibt so etwas wie eine Renaissance des Raumes. Viele Menschen kommunizieren sehr versiert über technologische Plattformen, interaktiv und vernetzt, schnell und effizient. Doch gerade deswegen gewinnen Begegnungen und Interaktionen im echten Raum an Bedeutung, sei es in Museen oder Ausstellungen, bei Bühnenaufführungen oder in öffentlichen Räumen.“

Einen Trend zurück zum „Raum“, den konstatierte Professor Joachim Sauter zu Beginn seines Vortrags auf der „TYPO Berlin“. Die seit 1996 jährlich stattfindende Design-Konferenz versammelte vom 20. bis 22. Mai für rund 1200 Gestalter aus 17 Ländern.

Unter dem Motto „Passion“ (Leidenschaft) verfolgten die Kommunikationsdesigner und Schriftexperten ebenso persönliche Präsentationen wie engagierte oder gar missionarische Vorträge von berühmten oder aufstrebenden Kollegen, wie Erik Spiekermann, David Carson, Oliver Reichenstein, David Berman und vielen, vielen anderen. In über 50 Einzelveranstaltungen, dazu bei zahllosen Flurgesprächen im „Haus der Kulturen“ http://www.hkw.de/ , mitten im Berliner „Zentralpark“ Tiergarten, tauschte sich die internationale Grafikdesignszene intensiv aus über Verantwortungen und Herausforderungen, aktuelle Entwicklungen und wichtige Strömungen ihrer Branche.

„Professionelle Designer sind auch Berater und Problemlöser“

Einen besonderen Fokus richtetet die Konferenz auf die Profession der Grafik- und Kommunikationsdesigner selbst. In einem „TYPO special“ diskutierten zahlreiche Fachleute und praktizierende Gestalter die Notwendigkeit einer Aufwertung ihres Berufsstandes, vom Ansehen her ebenso wie in wirtschaftlicher Hinsicht. Und das durchaus kontrovers. So gerieten Internet-Portale und Vermittlungs-Plattformen, wie „designenlasse.de“ und „jovoto“ , in die Kritik des Auditoriums, weil bei ihnen Designleistungen zu vergleichsweise geringen Preisen zu bekommen sind. Dies locke viele Nebenbei-Gestalter an und würde es professionellen Gestaltern noch schwerer machen, auf dem ohnehin schon schwierigen Markt eine angemessene Vergütung ihrer Arbeit zu erreichen, hiess es. Zugleich erfordere so ein „Billigsegment“ aber von jenen, die hauptberuflich als Designer arbeiten oder arbeiten wollen, sich noch wesentlich professioneller aufzustellen: „Wir müssen also die Komplexität unserer Fertigkeiten erhöhen und die ‘verteufelten Probleme‘ lösen, die kein anderer mehr lösen kann“, sagte Professor Jörg Petruschat, Leiter des Instituts für Innovation und Design (iid) / an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden.


Im grossen Auditorium (TYPO Hall) der TYPO Berlin 2010, Foto: © Gerhard Kassner

Torsten Stapelkamp, Professor und Studiengangsleiter Mediendesign an der Hochschule Hof, forderte von den Designern, dass sie sich als Unternehmen verstehen, wirtschaftlicher denken und handeln und vor allem viel mehr als nur Gestaltung anbieten müssen. „Professionelle Designer sind auch Berater und Problemlöser, die ihre Kunden konzeptionell und strategisch begleiten“, so Stapelkamp. Anderenfalls müssten sie sich nicht wundern, dass sie von Kunden als „Bastelbären“ gesehen werden, denen man auch mit geringen Honoraren schon einen Gefallen tue, weil sie ja kreativ tätig sein dürften. Gleichwohl räumte eine Diskussionsrunde am Ende des TYPO special den genannten Vermittlungs-Plattformen durchaus ihre Berechtigung ein. Im Zuge des so genannten „Crowdsourcing“-Verfahrens würde ein Designauftrag zwar in eine mehr oder weniger anonyme Masse von Hobby-, Einstiegs- und Berufsdesignern hinein und praktisch unverbindlich ausgeschrieben. Dennoch sei dabei durchaus ein gestalterischer Diskurs möglich, aus dem eine probate Lösung für den Auftrag hervorgehe. Und solange es sowohl Auftraggeber wie auch Designer gebe, die sich freiwillig dieser Wettbewerbs-Art stellen, sollte der Markt dies auch aushalten können, hiess es.

Maschinen wandern mehr und mehr in den Hintergrund, ja, praktisch in die Unsichtbarkeit

Doch zurück zu der anfangs erwähnten, von Professor Sauter ausgerufenen „Renaissance des Raumes“. Als derzeit spannendstes Terrain für modernes Kommunikationsdesign und mediale Interaktionen sieht der Berliner Universität-der-Künste-Professor Sauter vor allem die öffentlichen Räume, sprich: Strassen, Plätze oder Passagen. Dort kennt man bislang verkleidete Monitore und „Terminals“, grossflächige Projektionen oder ausgeklügelte Beleuchtungs-Inszenierungen. Mit einer ganz besonderen Installation in Japan ging Sauter für die Mensch-Medium-Interaktion im Wortsinn noch einen Schritt weiter. In der Innenstadt von Tokio entwickelte die Berliner Firma Art+Com zu deren Gründern und Chefs Sauter gehört, für eine Fussgänger-Passage entlang eines künstlichen Wasserbeckens eine doppelt interaktive Trittfläche. Schreitet ein Passant über ein Feld von Milchglasscheiben, erzeugt er darauf künstlich projizierte, täuschend echt aussehende Wasserwellen, die sich dann synchron fortsetzen auf der angrenzenden echten Wasseroberfläche. „Die Menschen verändern den Raum durch ihre Bewegung“, so Sauter.


„Es gibt eine Reniassance der Räume“. Professor Joachim Sauter (Uni der Künste Berlin/Art+Com) während seines Vortrags Foto: © Gerhard Kassner

Hierfür installierten die Berliner Medienarchitekten und -informatiker computergesteuerte Trittsensoren, massenhaft kleine Leuchtdioden sowie elektromechanische Wellenerzeuger. Für die exakte Abstimmung dieser Bestandteile aufeinander waren monatelange Tests notwendig. Das Faszinierende dabei ist, dass die Technologien überhaupt nicht zu sehen sind. Und genau diese Entwicklung, die „Maschinen“ mehr und mehr in den Hintergrund, ja, praktisch in die Unsichtbarkeit zu verbannen, sieht Sauter als einen weiteren Trend für Kommunikationsdesigner. Mehr noch, er sehe dies als die große Herausforderung der kommenden Jahre, zumindest was die Interaktionen mit neuen Medien „im Raum“ betrifft.



Beim Betreten der Installation werden aus virtuellen „Leuchtwellen“ synchronisierte, reale Wasserwellen. Installation und Abbildung: © Art+Com

Wenn Kunst und Design die Wände erobert und auf die Strasse geht

Diese Überwindung der Grenzen von Monitoren, aber auch jener von den üblichen Drucksachen, wie Bücher und Zeitschriften, derlei Vorhaben erregten bei der TYPO-Konferenz auffällig viel Aufmerksamkeit. Wo immer sich Gestaltung und Design im Wortsinne den „grossen Raum“ griffen und neue Dimensionen eröffneten – ob in Vorträgen, bei Workshops oder „Performances“ im grossen Foyer des Kulturhauses – prompt waren die Auditorien voll und die Ohren gespitzt, reckten sich die Hälse und blitzten die Digitalkameras. Etwa, wenn Kunst und Design die Wände erobert und auf die Strasse geht und damit zu, wenn schon nicht offizieller, dann doch öffentlicher „Street Art“ werden. Ein Meta-Trend des Kommunikationsdesigns? Vielleicht schon.

In den von der US-amerikanischen Designerin Candy Chang auf der TYPO Berlin präsentierten Projekten beispielsweise geht es um die Sichtbarmachung der Gedanken von Passanten, die sie per Schablonen auf den Asphalt sprüht. Oder die freche, „Calligraffiti“ genannte Aktionskunst des Niederländers Niels Shoe Meulman, der (öffentliche) Wände oder Böden mit riesigen Schriftzeichen alter, künstlerischer Prägung versieht. Wohlgemerkt frei von Hand gepinselt und dabei erstaunlich präzise, sodass das Schriftbild harmonisch, ja, geradezu perfekt aussieht. Gewiss, Kalligrafie ist ja gerade die „Schönschreibkunst“. Sie gilt als Königsdisziplin unter Gestaltern und ist das immer währende Steckenpferd der TYPO, die ihren Namen von und ihre Wurzeln in der Schriftgestaltung hat. Doch die auf einem riesigen Tisch im Foyer „livehaftig performte“ Schriftpinselei entlockt auch so manchem alten Typo-Hasen ein bewunderndes Schnalzen: Welch elegante, im Wortsinne „große Schriftkunst“.


Grosse Schreibkunst. „Calligraffiti“, kurz nachdem sie mit präzisen Pinselstrichen auf dem Papier landete. Foto: © Henry Steinhau

Und dennoch sind die XXL-Lettern auf den ersten Blick gar nicht für jeden lesbar – wer kennt heute schon noch die Buchstaben einer alten „Sütterli“-Schrift? Eben. Doch gerade deswegen geht die TYPO wohl so liebevoll damit um, ein Akt der Art-Erhaltung wie auch der Rettung händischer Fertigkeiten, bei denen es zudem „wahrhaptisch“ tropft und riecht und knistert. Da die historischen Schriften für die meisten der heutigen Betrachter aber zunächst schwer leserlich sind, könnten sie als öffentliche „Calligraffitis“ für viele auch nichts anderes sein als Graffiti, nur eben kalligrafisch – doch damit automatisch „schöner“? Das hängt dann wohl von der subjektiven Betrachtung ab. Ohne Zweifel wären sie aber ein Kontrast im Stadtbild, neben den allgegenwärtigen und trotz gewisser Vielfalt eher stereotypen „Tags“ und „Bubble“-Buchstaben der ohnehin zu aufdringlichen Sprüher. Mögen also Städter, Anwohner und Eigentümer entscheiden, ob ihnen kalligrafierte Schrift-Malereien überhaupt oder zumindest mehr zusagen. Oder ob sie hernach sogar eigene Initiativen für derlei Street Art ergreifen.

„Mach mehr aus Deiner Handschrift“

Eigeninitiative findet sich bei Grafik- und Schriftdesignern quasi in den Genen, die meisten sind getrieben vom Schöpferdrang und der Lust, ja, der Leidenschaft am kreativen Schaffen. So kam das Angebot „Mach mehr aus Deiner Handschrift“, dass bei der TYPO auf einem Foyer-Tisch zu lesen war, sehr gut an.


„Mach mehr aus Deiner Handschrift“, das Mitmach-Angebot im Foyer kam gut an. Foto: © Henry Steinhau

Viele junge Konferenzteilnehmerinnen – etwa ein Viertel der Besucher sind Studenten – trainierten dort pro-aktiv die eigenhändige Schriftgestaltung. Nebenan, im so genannten „TYPO Nest“ lehrte ein spezieller Workshop, nein, ein „Typo-Kochstudio“, die eigenen Schriftentwürfe dann per Hand und peu a peu und dank geschickter Reproduktionstechniken sehr effizient zu einem kompletten „Font-Satz“ zu entwickeln – und dieser dann in den Computer zu überführen und als digitales Schriftpaket aufzubereiten.

Bei aller Sehnsucht nach Pinsel und Stift, Papier und „richtig Anfassbarem“: heutzutage gehört Schrift eben vor allem in den Computer. Das Hauptwerkzeug der Grafikdesigner ist der PC und immer mehr ihrer Arbeiten und Schöpfungen nimmt man ausschliesslich auf Bildschirmen wahr. Mehr noch: Die Allgegenwärtigkeit von Monitoren als primärem Lesemedium nimmt ebenso zu wie ihre Vielfalt: von riesigen Flatscreens an der Wohnzimmerwand, mittelgroßen Schreibtischcomputer und Laptops über A5-grosse „Tablets“, wie iPad und Kindle, bis hin zu den Telefonen mit Brieftaschen- bis Briefmarken-kleinen Monitörchen. „Die Zukunft des Lesens ist digital“, brachten es die TYPO-Veranstalter auf den Punkt.

Doch gerade bei Schrift, Illustrationen oder Grafiken reichen die Darstellungsfähigkeiten von Monitoren noch nicht weit genug, sind den Gestaltern technologisch bedingte Grenzen gesetzt. Das liegt an den Auflösungen der Geräte (Bildpunkte pro Fläche) ebenso wie an den momentanen Standards der Software (Browser, Übertragungs- und Darstellungs-Methoden) – weshalb sich zu viele Designer noch zu wenig mit der digitalen Schriftgestaltung beschäftigen würden, was Jürgen Siebert, Programmdirektor der TYPO, jedoch für riskant hält: „Viele Menschen nehmen heute schon mehr Informationen über Bildschirme auf als über Drucksachen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen.“ Wer da nicht mitmache, würde seine Leser bald verlieren – oder als Designer seine Kunden.

Webfonts erneuern das digitale Publizieren

Gewiss, noch können die meisten Monitore viele vom Druck gewohnte Schrift-Details nicht gut darstellen, was an ihrer „Auflösung“ liegt (die Menge an Bildpunkten/Pixeln pro Fläche. Je geringer diese Auflösung, desto gröber werden Abstände und Proportionen der Zeichen dargestellt, ihre Strichstärken stimmen nicht, das gesamte Schriftbild franst aus, wirkt stümperhaft – Anblicke, die nicht nur die notorisch pedantischen Typografen stören. Wenn beispielsweise die Webseite eines Unternehmens oder einer Marke aus so einem Grund liderlich aussieht, wirkt das schlicht unprofessionell – und so etwas drückt am Ende auf‘s Geschäft. Also müssen die digitalen Schriften für die Bildschirmdarstellung hin konstruktiv moduliert werden. Zudem müssen sie in diesen neuen Versionen auch von den „Web-Browser“ genannten Programmen nutzbar sein. Bislang verstanden sich diese Browser – die zudem als Kerntechnologie in vielen anderen Programmen, Anwendungen und „Applikationen“ (kurz: Apps) für‘s digitale Publizieren stecken – nur mit einigen wenigen, Bildschirm-optimierten Standardschriften, wie Verdana, Helvetica, Georgia, Times New Roman oder Arial.

Zudem stellt sich für Browser-Hersteller und Website-Betreiber die Frage der Schriftenlizensierung als bislang eher sperriger Prozess dar. Jede Verwendung einer kommerziellen, digitalen Schrift auf einer Website ist eine Nutzungsart, jeder Aufruf durch die „User“ kommteiner Vervielfältigung gleich, für die es die Urheber und Vertriebsfirmen dieser Schrift zu vergüten gilt. Nur wie? Wie erfasst man die Häufigkeit der Schriftnutzung, etwa via Seitenbesuchs- oder anderen Klickzahlen? Und wie rechnet man die fälligen Lizenzgebühren ab? Um der Lösung dieser Fragen aus dem Weg zu gehen, beschränkten die Hersteller der mehrheitlich ja kostenlos verfügbaren Browser auf die erwähnten Allroundschriften. Allerdings mit dem Effekt, dass diese quasi-normierten Schriften zu einer Vereinheitlichung bei digitalen Fliesstexten und damit zu Langeweile auf den Monitoren führten. Für Gestalter und insbesondere Typographen ein unbefriedigender Zustand, der ihnen das digitale Publizieren mal weniger, mal mehr verleidete.

Für frischen Wind im „Internet-Publishing“ sollen jetzt die so genannten „Webfonts“ sorgen. Und aus Sicht der TYPO-Veranstalter ist es eine Frage der nächsten Jahre, dass damit die darstellerischen Defizite der Bildschirme – unterstützt durch weitere technologische Fortschritte – immer weniger ins Gewicht fallen. Zu diesen relativ neuen „Webfonts“ gab es einen Vortrag und zahlreiche Diskussionen während der TYPO Berlin 2010. Zusammenfassend gesagt sind „Webfonts“ digitale Schriften, die speziell für das Lesen via Internet beziehungsweise am Bildschirm entwickelt und angeboten werden. Diese Anpassungen beziehen sich zum einen auf ihren gestalterischen Aufbau der einzelnen Zeichen, zum anderen auf ihre Integration in alle Prozesse und Programme, die beim „digitalen Publizieren“ zum Einsatz kommen.

Mit den Webfonts, die festgelegten Rahmendefinitionen und Regeln folgen, zusammengefasst in so genannten „Formaten“, soll also der jahrelange Stillstand bei digitalen Fliesstext-Schriften beendet werden. Die mit der Datei-Endung .woff als standardkonform erkennbaren Webfonts sind erstens für die Bildschirmdarstellung optimiert und bieten zweitens ein vergleichsweise simples Verfahren für ihre Lizenzierung. Im Kern sollen die Lizenzkosten den Besuchs- und Klickzahlen der jeweiligen Websites entsprechend und hierbei grob gestaffelt sein. Wie es während der TYPO hiess, hätten sowohl alle maßgeblichen Browser-Hersteller wie auch das Gros der international agierenden Schriftenhersteller die Unterstützung des Webfonts-Formats zugesagt. Wenige Tage vor Beginn der TYPO stellte das Unternehmen Google mit seiner „font directory“ (noch im Stadium einer im Test befindlichen Beta-Version) auf einen Schlag 18 Webfonts vor und den Nutzern zur Verfügung. Eine komplementär angebotene„Programmierschnittstelle“ (Application Programming Interface, kurz API) soll es den Entwicklern, Gestaltern und Betreibern von Webseiten erleichtern, die von Google offerierten Webfonts einzubauen.


Die Webfonts.Schriften der „Google font directory“, Screenshot: © Henry Steinhau

Hauptthema (noch nicht Motto) der TYPO Berlin 2011: „Digital Publishing“

Gleichwohl stehe „das Thema Webfonts derzeit noch ganz am Anfang“, so TYPO-Kopf Jürgen Siebert, der zugleich Marketing-Chef beim „FontShop“ ist, einem Online-Versandhaus für digitale Schriften. Der Fontshop bietet als erstes Schriftenhaus seit Mai eine ganze Palette von Webfonts an.


Die Webfonts-Schriften des Fontshop. Screenshot: © Henry Steinhau

„Wir als Fontshop sind hier Vorreiter, viele grosse und wichtige Schriften-Hersteller haben aber noch keine Produkte.“, so Siebert. „Daher sind die Webfonts auf der diesjährigen TYPO noch nicht wirklich präsent.“ Doch schon im nächsten Jahr werde sich die TYPO schwerpunktmäßig damit befassen, so Siebert. Zwar stehe der Motto-Begriff für die TYPO Berlin 2011 noch nicht fest, doch das Hauptthema werde „Digital Publishing“ sein.

Passend dazu wird das dreitägige Programm der TYPO nicht mehr als gedrucktes Begleitheft erscheinen sondern vornehmlich digital, als Website und „Applikation“ für mobile Geräte. Bereits in diesem Jahr steckten die Veranstalter den Teilnehmern „nur“ noch einen sechsseitigen, gefalteteten „Flyer“ in die obligatorische Konferenz-Tasche, der nur das Programmschema und Bais-Informationen enthielt. Wer mehr über die Referenten und deren Vorträge erfahren wollte, konnte auf den zahlreichen Monitoren im Haus der Kulturen oder musste im Internet nachsehen – oder in der eigens entwickelten „TYPO Berlin App“, wofür es jedoch eines iPhones bedurfte. Dieses Vorgehen stiess bei einigen Besuchern auf Kritik, ihnen wäre eine alles umfassende Papier-Version des Programms lieber gewesen; zumindest parallel zu den digitalen Versionen.

Ein Zurück zum gedruckten Programmheft werde es vorerst nicht geben

In einer ebenfalls seit Jahren fest zum TYPO-Programm gehörenden „Zuhör-Runde“ stellten sich die Veranstalter offen der Kritik und den Anregungen der Besucher. Projektleiter Bernd Rudolf erklärte: „Es geht beim Verzicht auf‘s Programmheft weniger um die Druckkosten, den viel größeren Aufwand erfordern ohnehin Datensammlung und -aufbereitung“, so Rudolf. Doch bei einer solchen Konferenz würden bis zum Eröffnungstag und auch während ihres Verlaufs immer wieder Änderungen auftreten, wie erkrankt ausfallende Referenten oder spontan hinzukommende Foyer-Events, etwa Autogrammstunden oder „Meet-and-greet“-Sessions. „In den digitalen Ausgaben können wir hochaktuell arbeiten, das Programm anpassen, neue Informationen nachreichen, Meldungen durchgeben, Fotos und Videos hochladen und so weiter.“ Mehr noch, mit der „My Program“-Option, über die sich Programmpunkte als „Favorit“ kennzeichnen lassen, könne sich jeder seinen eigenen TYPO-Fahrplan zusammenbauen. Dies habe gut funktioniert und wurde so positiv angenommen, dass man es ausbauen wolle, so Rudolf.



Die TYPO Berlin 2010-App für das iPhone: News vom TYPO Blog, individuell zusammengestellter Konferenz-Fahrplan in „MyProgram“ und News-Übersichten. Screenshots: © Henry Steinhau

Die Anregung, diesbezüglich einen netzwerkgestützten Programm-Austausch unter den TYPO-Besuchern zu ermöglichen, nahm der Projektleiter wohlwollend entgegen. Ein Zurück zum gedruckten Programmheft werde es vorerst nicht geben, so die TYPO-Veranstalter. Vielmehr gelte ihre Aufmerksamkeit dem Ausbau der digitalen Konferenzbegleitung, mehr Funktionen, mehr Interaktivität. Zu den schon in diesem Jahr zahlreich vertretenen iPhone- und Smartphone-Nutzern würden bei der TYPO 2011 eine grosse Zahl von iPad- und Tablet-Nutzern hinzukommen. Nicht zu vergessen seien jene, die sich das TYPO-Geschehen – aus welchen Gründen auch immer – aus der Ferne ansehen und möglichst viel mitbekommen wollen, von den Inhalten genauso wie von der Atmosphäre. Je authentischer und greifbarer eine solche Konferenz, wie die TYPO, in den virtuellen Kommunikationsräumen des Internet vermittelt werde, desto mehr könne sich beim Einzelnen das Bedürfnis nähren, in den echten Räumen an den wirklichen Begegnungen teilhaben zu wollen. „Designer arbeiten ja ganz häufig selbständig, verbringen viele Stunden alleine an ihrem Arbeitsplatz, vor ihrem Computer“, so Jürgen Siebert.

Tatsächlich war es auch in diesem Jahr spürbar, förmlich mit beiden greifbar, wie sehr es die Grafikdesigner geniessen, sich bei dieser europaweit bedeutenden Konferenz unter ihresgleichen zu treffen und auszutauschen, sich gestalterisch abzugleichen – und damit in gewisser Weise die räumlichen Perspektiven zu erweitern. Vielleicht ist auch deswegen das mit seinen flächigen, lichtdurchfluteten Foyers offene und weitläufige Haus der Kulturen der ideale Ort für die TYPO. Und die von Professor Sauter postulierte „Renaissance des Raumes“ zuallererst ein Bedürfnis der Designer selbst. Aber, gut, Vorreiter und Trend-Erkenner zu sein, gehört ja wohl auch zu ihrer Profession.

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