Björk’s „Biophilia“: neue Maßstäbe für Musik-Visualisierung & -Vermarktung

Er fasziniert, er fesselt, er schlägt einen in eine Art Bann: Wer sich einmal auf den „Kosmos“ eingelassen hat, in den das neue Konzept-Werk „Biophilia“ der isländischen Musikerin Björk einlädt, der vermag sich seiner geradezu „immersiven“ Wirkung kaum zu widersetzen. In einem clever konstruierten und spannend gestalteten, stets irgendwie klingenden und tönenden „All-Raum“ navigiert sich der Benutzer, der hier mehr „Reisender“ ist, zunächst audiovisuell und mehr grafisch als textuell durch  die Musik und ihre Bestandteile; wählt dann einen Song, zu dem er bewegte Bilder sieht, die er aber selbst spielerisch steuert; nein, mehr noch: er spielt die Visualisierung, wie ein kleines AppGame, inhaltlich zu Songtext und Musikatmosphäre passend, ja, sich ergänzend, während auch die Musik spielt, als Soundtrack, nein, als „Score“, als musikalische Entsprechung des interaktiv-visuellen Geschehens, und mag es gar nicht mehr aufhören lassen … pfffffhhh, ja, gut, erst einmal Luft holen.

Denn tatsächlich setzt Björk mit ihrem „Gesamtmusikkunstwerk“ – dieser Begriff darf hier zu recht fallen – in vielerlei Hinsicht neue Maßstäbe. Was seit rund 18 Jahren oft proklamiert und noch öfter versucht wurde, nämlich eine multimedial-interaktive Entsprechung für Album-Cover-Art und Musikvideoclip zu finden, Björk hat diese Entsprechung gefunden; aber nicht nur  gefunden, sie legt mit ihrer App die Latte in ästhetischer, technischer und künstlerischer Sicht auch hoch genug, um damit zugleich das Publikum zu begeistern, die Musikszene anzuspornen und eine ganze Branche zu vitalisieren.

Zu hoch gegriffen? Keineswegs. „Biophilia“ ist ein Meilenstein.

Ein Album als App? (Wie) Geht das eigentlich?

Ja, geht; sehen wir es uns Schritt für Schritt an: Es beginnt damit, dass von Björk im AppStore von Apples  iTunes Store die kostenlose App „Biophilia“ zu finden ist:

Ist diese auf dem iPhone oder dem iPad geladen, lässt sie sich sogleich starten (für diese Rezension auf einem iPhone 3Gs mit aktuellem iOS 4.3.4.). Es erscheint zunächst ein schöner Startbildschirm mit ungewöhnlicher Typografie vor einem Collage aus Mineralien. Der Empfehlung, Kopfhörer zu benutzen, sollte man folgen, das sei vorweg geschickt: Über die schwächlichen Bord-Lautsprecher der Mobilgeräte gehen viele musikalische und klangliche Details schlicht verloren, und das verzerrt das Hör-Erlebnis dann doch zu sehr.

Eine kurze Ladezeit später eröffnet sich der erwähnte Kosmos der App: Schwarzer Hintergrund und zahlreiche grafische Elemente. Striche, Punkte, Kreise, Linien, die mal wie Sterne, mal wie Risszeichnungen, mal wie Skizzen anmuten und wie organisch miteinander verbunden scheinen. Hinweise zur Navigation blenden sich ein: Mit einem Finger wischen, mit zwei Fingern bewegen oder „kneifend“ vergößern  und verkleinern.

So spartanisch die Zeichnungen und Zeichen gestaltet sind, so räumlich wirken sie doch in ihrer Gesamtheit. Und während die Finger assoziativ-spielrisch den Raum erkunden, blenden sich Gesangsfetzen und Klangelemente ein, schwillen in der Laustärke an und wieder ab. Der dreidimensionale, naja, dreidimensional wirkende Strich-Punkt-Skizzen-Raum ist praktisch das Menü, das Inhaltsverzeichnis, die Land-, nein, die Raum-Karte der App. Haltepunkte im Biophilia-Kosmos sind die einzelnen Songs – ja, doch, das Ganze ist ja ein Musik-Album mit Titeln, wie „hollow“ oder „thunderbolt“:

Diese schwarzweisse Raum fasziniert, lädt ein zum sich-verlieren. Für’s erste, immer wieder. Halt bietet links oben in der Ecke das App-Symbol. Obwohl selbst stets unruhig in alle drei räumlichen Richtungen kippend, drehend mitbewegend, ermöglicht es als eine Art „Start“-Knopf den jederzeitigen Rücksprung auf ein Auswahlmenü (das jeweils vorangegangene, in der Regel). Alternativ zum dreidimensionalen All-Raum lassen sich die zehn einzelnen Songs auch in einem rein typografischen Menü lesen und wählen – per Fingertipp.

Doch hier nun erwartet den Besucher die nächste Neuheit: Die einzelnen Songs gilt es vor dem Hören, Spielen, Erleben, käuflich zu erwerben. „In-App“-Kauf, heisst das Fachwort dazu. Dazu genügt die Eingabe des Passwortes des iTunes-Accounts. 1,59 Euro kostet der Song, naja, das Musik-Interaktions-Visualisierungs-Paket „Crystalline“.


Ob alle anderen Song-„Pakete“ gleich kosten, bleibt abzuwarten. Wenn ja, wären am Ende maximal 15,90 Euro bezahlt. Mehr als die üblichen 8,99 oder 9,99 Euro für ein Musik-Album – doch in den allermeisten Fällen bekommt man dann ja nicht einmal Artwork, Texte oder die „Liner Notes“ dazu, also Erläuterungen zu den beteiligten Musikern und Künstlern, zu der Produktion, dem Equipment oder zum Entstehen der Tracks (zu Vinyl-Zeiten war all das nahezu selbstverständlich). Trotzdem: Die Preisfrage bleibt eine; aber, nun gut. Weiter. Bei „Biophilia“ ist jedes Song-Paket mit genau den eben genannten Zusatz-Informationen angefüttert – und noch einiges mehr. Es gibt textliche Erläuterungen zum Track, zur Musik, zum Songtext, zur Idee, zum Motiv des Tracks. Auch hierfür ist das Menü typografisch gehalten.

Nach Fingertipp auf „Play“ – ein schön doppelsinniger „Befehl“ an die App – startet die Musik und gleichzeitig eine völlig neue „Oberfläche“. Passend zum Thema „Kristalle“, die Björk in „Crystalline“ besingt, bietet sich nun eine Flug durch abstrahierte Räume und Tunnel an. Mit Bewegung des iPhones schwingen sich die Spielfiguren – schematisierte Kristalle – entlang der Flugbahn – und vergrößern sich mit jederBerührung bestimmter anderer Kristalle, die an den „Wänden“ hängen. Einsammeln, ein bekanntes Spiel-Prinzip, hier auf die langsam wachsenden Kristalle gemünzt.

Zur Sammelreise läuft die Musik und ergänzt die dezent interaktive Steuerung des Geschehens geradezu kongenial. Es klimpert metallisch, aber irgendwie auch „mineralisch“ und Björks markanter Gesang sorgt für zusätzlichen Flow. Das hat was magisches: Es ist ein Trip ;-)

Am Ende des Lieds gibt es eine Art Spielstand, bezogen auf die gesammelten Kristalle in bestimmten Tunneln. Wie sich zeigt, gibt es noch einige Aufgaben zu erledigen. Gleichwohl lässt sich der Song auch einfch so hören, der Trip der Kristalle läuft dann im Automodus ab, „Punkte“ sind dann Mangelware oder Zufall – muss einem ja nicht wichtig sein; nicht jeder tickt „games“-mäßig genauso.

Erschöpft sind die Optionen der App damit noch lange nicht. Der Menüpunkt „Score“ visualisiert die Komposition mit einer Notation, die wie ein Film und synchron zum Gehörten am Betrachter vorbeiläuft, Texte inklusive. (Dieser ist beim Score des Songs „Cosmogony“ ein- und auszublenden). So einfach, wie schön, wie praktisch: Besser lässt sich das „Verstehen“ eines Songs kaum umsetzen (von der bei einzelnen kleinen Buchstaben mitunter schwer zu lesenden Typo mal abgesehen). Ganz klasse.

Alternativ zum „Score“ visualisiert der Menüpunkt „Animation“ den Track auf grafische Art. Auch hier wandert der Text synchron zum Song mit, während die Klänge durch farbige Kreise und Linien daregstellt sind, die – synchron – aufleuchten beziehungsweise pulsieren. Pures Augenfutter, klar, aber gut gemacht und vor allem: stimmig, stimmig, stimmig. Da weitet sich das Herz des Musikfreunds, ganz ohne Zweifel. Let it flow.

Was bei den acht anderen Songs audio-visuell-interalktiv passiert, was zu spielen, was zu erleben ist, das muss für diese Rezension zum heutigen Zeitpunkt offen bleiben – weil die entsprechenden Song-Pakete noch gar nicht zu bekommen sind.

„coming soon“ heisst es auf der jeweiligen Track-„Startseite“. In Text und oft auch Bild erhält man zwar Informationen und einen Vorgeschmacks-Screenshot, doch die Erkundung muss warten. Hm, das macht den Fan als solchen nervös, man will ja gerne stets alles auf einmal haben. Stattdessen auf jeden Track immer wieder warten zu müssen, immer wieder einzeln bezahlen zu müssen – das könnte nerven; es besteht auch die „Gefahr“ des Vergessens der App, weil man sie zu lange nicht mehr benutzt hat (aber dafür ist sie eigentlich zu gut). Und vermutlich gibt es nach x Wochen dann doch das ganze Album, also alle zehn Song-Pakete auf einmal, als App-Bundle, zu einem rabattierten Preis … naja, mal sehen. Fair wäre ein anrechnen bereits gekaufter „Singles“ auf den späteren Bundle-Preis … .

So oder so kann man sich mit den „Previews“ beschäftigen, die im übrigen jeweils durch eine eigene Hintergrundfarbe markiert sind:

Für’s Erste ziehe ich ein durchweg positives Fazit: Björk legt mit dieser App eine schöpferische Arbeit vor, die einen Weg aufzeigt, wie Musikliebhaber (wieder zurück) zu gewinnen sind. Zu gewinnen  für eine vertiefte Beschäftigung mit der Musik, für eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Entstehung, ihren Motiven, ihren Botschaften, ihrem „Geist“ (Spirit), ihren Ausstrahlungen. Zur Reibung an und mit einer Musik, die mehr will, als nur Tanzflächen zu bespaßen oder irgendwie im Hintergrund zu dudeln.

Mir gefällt dieses App-Konzept genau so gut, wie in einem gut gemachten Klapp-Cover oderBooklet wiederund wieder zu schmökern, nachzulesen, mitzuspüren, was die Musik will, was die Musiker wollen. Der Ansatz, mich mit den Ideen und Motiven der Musik „spielen“ zu lassen während sie spielt, in den „Content“ eintauchen zu können und so den Persönlichkeiten näher zu kommen, die diese Kunst hervorbrachten, das ist doch ein ewiges Verlangen, nicht nur von intellektuell gut aufgstellten  Rezipienten; es gehört zur Antriebskraft jedes interessierten Fans – und der allermeisten Künstler sowieso.

„Biophilia“ ist die 2011er Reinkarnation des viel zitierten „Konzept-Albums“, der Cover-Art und des Videoclips in einem neuen Format

„Biophilia“, die App, der Kosmos, stellt die Musik in den Mittelpunkt einer umfassenden Inszenierung von Ideen und Mitteilungen und verbündet sich dafür mit unterschiedlichen, aber längst nicht mehr voneinander getrennten Kunst-Genres; das funktioniert nicht immer, aber hier schon, und das liegt zuallererst an der Person: Björk ist seit jeher als vielseitig und universell begabt bekannt, immer wieder beweist sie Stil und und Wagnis auf vielen Ausdrucksgebieten, ob Bildende Kunst, Fotografie, Film oder Bühnen-Performances. Bei „Biophilia“ führte sie die Gesamtregie, so steht es in den Credits. Gleichwohl holte sie unterschiedliche Künstler an Bord, aus allen Teilen der Welt und vielen schöpferischen Kunst-Biotopen. Und allein dieses Zusammenbringen der Künste rund um Pop ist in den vergangenen Jahren immer weiter „aus der Mode“ des Musikgeschäfts gekommen, ob nun aus Ideenlosigkeit, Unlust oder wirtschaftlicher Not.

Zu den Blütezeiten der Covergestaltung, in den 70er und 80er Jahren, liefen reihenweise Grafiker und Künstler zu gestalterischer Höchstform auf und werteten mit ihren Arbeiten die „Musikverpackung“ zu einer eigenen, wertvollen Pop-Kunst-Form auf – von Storm Thorgerson und John Pasche über Andy Warhol bis zu H.R.Giger, um nur die allerberühmtesten zu nennen. Doch seit die Musik als quasi unsichtbare Digitalware durch Kabel und über Funkwellen mäandert und ihre „Verpackung“ obsolet ist, verlor ihre künstlerische Visualisierung – im Großen und Ganzen – erst an Fläche und dann an Bedeutung.

Mit der App als neuer Träger-„Plattform“ schenkt Björk dem Artwork ihres Werks, der visuellen Entsprechung und Ergänzung ihrer Musik eine vergleichsweise hohe Aufmerksamkeit – mit zeitgemäßen Mitteln: Für mobile Geräte, multimedial, interaktiv, spielerisch, kurzum: Den Nutzungsgewohnheiten eines Publikums angepasst, das an Spielkonsolen und Mobile Games, Smartphones und Apps mehr als nur gewöhnt ist sondern zu ihnen in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis steht. Denn was auf diesen, den ganzen Tag präsenten Geräten nicht irgendwie läuft, findet praktisch nicht statt, gibt es quasi nicht. Wer aber die Möglichkeiten dieser Geräte ausnutzt, hat bessere Chancen, Aufmerksamkeit zu finden. Selbst – oder gerade – wenn es „Kunst“ ist, die sich wie ein Spiel benimmt, das eigentlich Musik ist, die man „spielt“.

Doch, halt, wichtig, ganz wichtig: Die Björk-App ist eben eben nicht nur auf Spielereien, wie das Einsammeln von Kristallen und ähnliche Gimmicks beschränkt. Vielmehr bietet sie eben auch das, was ein ordentlich gemachtes „Album“ seinerzeit ausmachte: Songtexte und Liner Notes, Credits und die Noten-„Scores“ (und das ist wirklich neu), stets ins Konzept eingebettet, also gestalterisch stimmig und multimedial umgesetzt. Das ist zusätzliche Arbeit, das macht Mühe – das nimmt die Zielgruppe sehr ernst, weil es ihr mehr bietet, als nur Beschallung mit Etikett drauf. Hier spricht Kunst zu uns, die was will.

Der Musikvideoclip galt lange als optimales Identifikations- und Vermarktungs-Trägermedium für Popmusik. Zu seiner Blütezeit, von Mitte der 80er und bis in die frühen 90er Jahre, strebten sogar reihenweise Filmregisseure ins Musikgenre und hoben die künstlerische Qualität des Genres an; sie bereicherten den als Promotion-Werkzeug geborenen „Clip“ um ästhetische und bildtechnische Innovationen, die auf Fernsehproduktionen und Kinofilme ausstrahlten. Doch nicht sie killten den Radiostar, sondern die Rund-um-die-Uhr-Videoclips-Ausstrahler MTV und seine Nachfolger killten systematisch das Interesse und die Neugier des breiten Publikums, weil sie es mit immer stereotypischer inszeniertem Augenfutter schlicht übersättigten. Und des Publikums Aufmerksamkeit verlagerte sich ohnehin mehr und mehr ins Internet, wo allerdings  die Musikvideos de facto gar nicht stattfanden, bis zum langsamen Siegeszug von YouTube, etwa Mitte der Nuller Jahre. Und die vormals für Videoclips angesagten Film- und Bildkünstler? – waren längst ganz woanders.

Mit ihrer integrierten Machart verankert die Björk-App eine Art neuen Magnetkern in der zerstreuten und verunsicherten Musiklandschaft

Wie einst die Alben-Cover und später die Videoclips wird das Grundkonzept „App“ (das ja keinesfalls an iOS oder andere Betriebssysteme gebunden ist) viele junge sowie renommierte Talente jener Szenen und Genres anziehen, die heute, hier und jetzt Pop visualisieren, da bin ich mir ganz gewiss: Gamedesigner, Interaktions-Konzepter, Schnittstellen-Gestalter, Programmier-Künstler – Digital Artists. Game ist Pop ist Musik ist Kunst ist App.

Ja, ich weiss: Nicht alle Musiker können dem übergreifenden, dem „Ganzheitlichen“ entsprechen, sie sind eben „nur“ Musiker, oft ganz hervorragende. Kein Problem, es gab auch zur Blütezeit des Pop viele, viele belanglose Cover von wirklich guten Bands und mitunter tolle Cover von belanglosen Bands, von den tausenden belanglosen Videoclips ganz zu schweigen. Doch wer an seine Musik einigermaßen gründlich herangeht, wer ihre Visualisierung und ihre Vermarktung ernst nimmt,  ebenso wie das Bedürfnis der heutigen Nutzer nach Interaktivität und Immersion – also Eintauchen in den „Content“ – der dürfte auch als (Fast)-„Nur Musiker“ in der Gesamtkunst-App „Biophilia“ einiges an Inspirationen, Visionen und Projektionen für seine nächsten Alben, Projekte oder auch Tourneen entdecken.

Klar, „Kristalle einsammeln“ funktioniert bei einem Song wie „Crystaline“ natürlich gut als App-Spiel-Idee. Was aber, wenn, sagen wir mal, ein bäriger Abenteurer in einem Blues-Song grandios, aber schlicht, seiner Verflossenen nachheult? Wie lässt sich das „immersiv mitspielen“? Keine Ahnung. Vielleicht gar nicht. Oder nicht so, wie wir jetzt denken. Künstler kommen aber auf Ideen. Was ruft der gestrenge Gastro-Kritiker im Pixar-Film „Ratatouille“ der kochenden Ratte am Ende in ihre Küche (ihr „Atelier“) hinein: „Überrasche mich!“

„Biophilia“ überrascht. Nicht nur die Fans.

Denn nicht zuletzt kann sich vermutlich auch die x-mal totgesagte Musikindustrie an der Björk-App ein bisschen aufrichten: Nicht nur, dass mit der Komplexität einer solchen Produktion ein betreuendes und helfendes – hoffentlich kompetentes und innovationsfreudiges – Umfeld (wieder) seine Daseinsberechtigung erhält. Nein, das Produkt-Konzept „Song-App-Pakete“ als Äquivalent der guten, alten Single-Auskopplung, in Kombination mit der Methode „App“ mit „In-App“-Verkäufen, dieser (Um-)Weg hat durchaus das Zeug, ein „erlösendes“ Vertriebsmodell zu sein (will sagen: allein selig machend wird keine Musik-App je sein).

Un noch was: Eeines ist in der digitalen Welt wichtig, ja, zwingend: Verbindung, Vernetzung, Verkopplung: Von Content, von Anwendungen, von Nutzern, von Fans, von Producern zu Prosumenten. So gesehen bildet die „App“ eine geradezu ideale Brücke zwischen den bislang getrennten Bereichen „Download-Store“ hier und Website-MySpace-Facebook-Twitter-Kommunikation dort. Jedenfalls, wenn man ihr volles Potenzial auszuschöpfen versteht und „Dialog-Optionen“ und „Transfer-Funktionen“ integriert.

Komplementäre Website, neu erfundene Instrumente, passende Begleitkommunikation

Komplementär zur Album-App schaltete Björk auch eine neue Website.

Die Benutzeroberfläche von www.bjork.com arbeitet exakt nach dem Prinzip der App – was überraschen mag, doch technisch begründbar ist: Die kanadischen Entwickler von JAM3 (siehe weiter unten) haben dafür eine Entwicklungsumgebung genutzt, mit der die Anwendung auf HTML 5 basiert. Also nicht auf „Flash“ von Adobe, das heute im Großteil der animierten und zeitbasierten Website-Inhalte steckt, gleichwohl aber kein vom WWW-Konsortium verabschiedeter Standard ist. HTML 5 ist so ein WWW-Standard, der in Web-Browsern genau so läuft wie auf dem iOS-Betriebssystem von iPad und iPhone (die kein Flash können, weil Apple dies aufgrund zu intensiver Ressourcen-Belastung der jeweiligen Geräte durch Flash strikt ablehnt). Die HTML5-Nutzung erleichterte den JAM3-Entwicklern die Umsetzung  und Anpassung des „kosmischen“ Benutzungs-Konzepts.

Auch das markante Symbol befindet sich an der gleichen Stelle wie bei der App, links oben in der Ecke, als dauerpräsente Rücksprungstelle.

Die einzelnen Songs und Song-Pakete bietet die Website hingegen nicht. Stattdessen einen Neuigkeiten-Kanal, typografisch exakt der App entsprechend. Dort finden sich dann wiederum Informationen und Neuigkeiten und Erläuterungen rund um das Projekt, das Album, die Entstehungsgeschichten, die Produktionsschritte und, und und – Website-gerecht und wieder: stimmig, stimmig, stimmig.

Etwa diese wunderschönen Fotos von Kristallen, zu denen Björk dann auch etwas zu sagen hat (wenn man auf „more“ klickt)

Oder auch ein Video über den Bau eines Instruments, das sich „Gameleste“ nennt. Als Hybrid zwischen Klavier und Glockenspiel mit entsprechenden elektronischen Anschlüssen ist dieses „Gameleste“ eine Erfindung und Spezialanfertigung für Björk, für diese Produktion. Sein durchaus  eigenständiger Klang kommt beim Track „Crystaline“ gut zur Geltung. Bei ersten Vor-Vorführungen des Projekts hat sie es wohl auch schon  Live gespielt. Die Video-Dokumentation zum Instrumentenbau lohnt sich anzusehen:

Auch ein Forum gehört zur Website, dazu ein Shop, aus dem heraus dann der Sprung in den AppStore möglich ist:

Oder auch in den iTunes Music Store. Denn alternativ zu App-Singles und App-Paket kommt das Album auch als „normale“ Musikproduktion heraus – die Single „Crystaline“ ist zumindest schon einmal für 0,99 Euro erhältlich

Dass begleitend zur Veröffentlichung auch die Facebook-Seite, die Twitter-Seite und der YouTube-Kanal von Björk optisch angepasst sind, um die Fans auf die Website und zur App zu winken, versteht sich fast von selbst. „Fast“, weil diese Art der Begleit-Kommunikation so viele Musiker und/oder ihre Labels nicht hinbekommen oder nicht nutzen wollen, weshalb auch immer. Björk nimmt diese Plattformen ebenfalls ernst. Es wird „Biophilia“ nützen:

Artwork und Produktion

Wie schon erwähnt, arbeitete Björk für das Projekt mit zahlreichen Künstlern aus aller Welt zusammen. Für das Artwork von Covern, Postern und Digital Media etwa ist das französische Studio M|M aus Paris zuständig. Auf seiner Website gibt das avantgardistische Studio darauf einen kurzen Hinweis mit Link :

Die programmiererisch-funktionale Umsetzung von Website und App stammt von der kanadischen Firma JAM3 aus Toronto.

In einem mehrteiligen „Making of“ erläutern die JAM3-Entwickler die Herangehensweise und die Schritte in derProduktion, für die sie unter anderem das Google-Zeichenprogramm „Sketcher“ einsetzten. Trotz weit recihender Erfahrungen mit räumlichen Benutzungskonzepten sagen sie zu Björks Biophilia: „We knew this was going to be one of the most challenging projects we had worked on to date“:

Alles in allem ist diese Produktion als „Meilenstein“ der Popmusik-Kunst  zu betrachten: Es gibt schon zahlreiche Apps von Bands. Die sind mal wie eine Website aufgemacht, etwa von Wilco, von Michael Franti & Spearhead oder auch von Take That. Oder sie gleich ein komplettes, eigenes Game, wie die Apps „8 Bit Rebellion“ von Linkin Park oder „Plastic Beach“ von den Gorillaz.

Doch die Musik, das Album, das gesamte Werk als App umzusetzen, und die App wiederum als „Werk“, ja, doch, als „Kunst-Werk“ zu inszenieren, das ist (aus meiner Sicht) richtig neu. Und so nimmt mit „Biophilia“ ein womöglich neues Genre seinen, noch dazu ziemlich furiosen Anfang. Björk setzt wahrhaft Maßstäbe und eröffnet neue Dimensionen für die Visualisierung und die Vermarktung von Musik. Da lege ich mich gerne fest.

Und ganz nebenbei: das für Biophilia geschaffene Symbol  – eine Art Symbiose von Notenschlüssel, Auge und Planet – ist auch ein ganz großer Wurf, wie ich finde. Es ist einzigartig und wiedererkennbar, kann relativ einfach adaptiert werden, etwa auf Pins und Buttons, als Tattoo, als gesprühtes Zeichen („Tag“). Vielleicht bekommt es sogar die Ehre, als neues Standard-Symbol für Björk überhaupt zu funktionieren … ?

Aber damit beschäftige ich mich an anderer Stelle etwas näher (in meinem Blog über Symbole in der Popmusik).

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