DispoBots & Kuddelmuddel

So sieht es also aus, wenn renommierte Tageszeitungen online auf Qualitäts-Journalismus setzen.

Heute landete ich durch einen „Google-Alert“-Link auf der Webseite des Hamburger Abendblatts. Gelinkt war der Artikel über das bevorstehende Aus einer Hamburger Medien-Branchen-Veranstaltung, in der Abbildung hier der Text unter dem grossen Porträtfoto. Der Text war OK und schnell gelesen; so ist das also mit dem Bemühen des Medienstandortes Hamburg um eine international bedeutende Medienkonferenz. Abgehakt. Doch dann fiel mir auf, was auf der Webseite im rechten unteren Bereich zu sehen war …

… nämlich der Kampf eines Werbebanners mit den redaktionellen „Teasern“, das sah dann so aus:

Tja, so ein Redaktionssystem, das mit Inhalten & Anzeigen gefüttert wird, ist eben auch nur ein Mensch, da kann man schon mal mit den Prioritäten durcheinander kommen: Abo-Werbung oder Baby-Fotos, hmmm, was sagt mein Algorithmus? Ich kann mich nicht entscheiden, ach, ich leg’ einfach beides übereinander.
Doch damit nicht genug.
Direkt unter dem Text-Bild-Anzeige-Kuddelmuddel findet sich der „Kfz-Tipp der Woche“. Dahinter verbergen sich jedoch nicht – wie man als geübter Tageszeitungs-Leser vermutet – redaktionelle Beiträge zum Thema Auto. Nein, die (grün gesetzten) Überschriften sind Direktlinks auf die Webseiten der genannten Hamburger Autohändler. Ein Direktlink ist meinem Online-Verständnis nach aber Werbung und sollte als solche gekennzeichnet werden, wie beispielsweise die „Ads by Google“ direkt daneben. Ist er aber nicht.
Hallo, Presserat, Kodex-Verstoss!!!

Tja, vermutlich sind die Wächter des Presserats, die auf solche Verstöße gegen den Pressekodex eigentlich achten sollten, einfach nur abgelenkt worden durch die die „Top-Nachrichten“ und die „Top-Bildershows“ die auf der Webseite des Hamburger Abendblatt für Vielfalt und Abwechslung sorgen.
Als „Top-Nachrichten“ finden sich unter anderem: Ein „Bericht“ über „Nacktrodeln im Harz“ und eine Meldung, in denen „Sexy Nonnen“ beim „LiLaBe“-Fasching in Bergedorf vorkommen. Aha.
Etwas weiter unten gibt es einen – ist ja Internet, muss ja Multimedia mit rein – Videobericht über „Lilabe 2010“.
Und darunter dann die „Top-Bildershows“ über „Nacktrodeln im Harz“ und, endlich mal wieder, „LiLaBe in Bergedorf“.

OK, gut, das ist vermutlich Nähe zur Zielgruppe, ich wohne ja nicht in Hamburg und muss mich folglich nicht unbedingt für „LiLaBe“ interessieren. Aber so viel Platz für ein und dieselbe Geschichte?

Naja, Hamburger Abendblatt ist ja Axel Springer Verlag und das dort umgesetzte Konzept zentraler redaktioneller Service-Center, die eben „Bild“ und „Hamburger Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost “und weitere Springer-Publikationen versorgen, schlägt offenbar auf diese Art und Weise durch. Die „Boulevard“-Kompetenz wird durch dreifache Platzierung ein- und derselben Bilderstrecke in unmittelbarer Nähe eines einzigen Mediums deutlich unterstrichen. Na, also, Tageszeitungs-Journalismuswandelt sich eben: Is’ echt ne super Illu, dieses Hamburger Abendblatt online.

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