Auf der diesjährigen Ausgabe der TYPO Berlin fragen sich Designer drei Tage lang gegenseitig, wie sie „nachhaltig“ agieren können – und dabei sowohl zeitgeistig schönes als auch zeitgeistig ökologisch korrektes zu schaffen. Ausgerechnet der große Auftaktvortrag von Ex-Design-Agentur-Chef Bernd Kolb blieb jedoch in der Metaebene des Themas „sustain“ hängen

Mit ihrem diesjährigen Motto „sustain“ legt die Berliner Ausgabe der Designkonferenz TYPO ihren Referenten eine Steilvorlage vor. Das englische „sustain“ steht lexikalisch sowohl für „erhalten, aufrechterhalten“ als auch für „aushalten, erleiden“. Beide Bedeutungen sind geradezu klassische Diskussionsthemen für Grafik-, Kommunikations- und Schriftdesigner. Nehmen sie ihre Arbeit doch häufig als Balanceakt zwischen freiräumiger Kreativität und abgezirkelter Dienstleistung wahr, zwischen Kunst und Kommerz – und nicht zuletzt zwischen dem „aufrechterhalten“ ihrer Ideen gegenüber den Vorstellungen der Auftraggeber und dem „aushalten“ von Inkompetenz und Einflussnahme. Zudem steht die von „sustain“ abgeleitete „Sustainability“ für „Nachhaltigkeit“ – ein Begriff, den man derzeit hauptsächlich mit Recycling, Umgang mit Ressourcen und Umwelt verbindet. Folgerichtig setzt der stets auf Sorgfalt und Glaubwürdigkeit achtende TYPO-Veranstalter FontShop sichtbare Impulse, etwa mit Sitzkissen, die aus Bannern und Planen vorheriger Konferenzen genäht sind; mit Programmheften und Taschen aus der Ökudruckerei; mit wiederverwendbaren Kaffeetassen und Wasserflaschen, Stichwort Müllvermeidung. Dies alles wirklich schön gestaltet, insofern attraktiv UND ökologisch korrekt; da nicken also gleich zwei Zeitgeister auf einmal, der gute Geschmack und das gute Gewissen. Gleichwohl, es sind konkrete, sichtbare Beispiele, gewollt unaufdringlich platziert – die TYPO-Macher achten in Kommunikation und Auftreten sehr darauf, sich selbst nicht wichtiger zu nehmen als ihr Publikum und ihre Redner. Letzteren ist es vorbehalten, aus dem Konferenzmotto Inhalte und Botschaften, Inspirationen und Vergewisserungen zu formen – oder es zumindest zu interpretieren.

Die vordergründigste, ökopolitische, dritte Lesart von „sustain“ – als kleines Verb des viel größeren Begriffs Nachhaltigkeit – stellt Bernd Kolb in den Mittelpunkt seiner Eröffnungsrede. Kolb, Jahrgang 1962, war einst Gründer und Chef der schnellgewachsenen Designagentur ID Media, die als wichtiger Motor, Gewinner und auch Verlierer der ersten großen Internetwirtschaftswelle gilt. Nach Anteilsverkauf war Kolb im Vorstand der Deutschen Telekom und drehte am großen Rad der Internetgeschäfte. Schließlich, vor gut fünf Jahren, der „Ausstieg“, die Weltreise, das Umdenken und die Gründung des „Club of Marrakesh“: Ein zunächst informelles Konstrukt, mit dem er weitere Vor- und Umdenker zu vernetzen sucht.

In seinem Vortrag schraubt sich Kolb ohne Umwege weit weg von der Mikroebene der anwesenden, meist freiberuflichen Designer und der Designstudierenden, hoch hinaus in eine Makrosphäre; zeigt den Planeten Erde, setzt dem Publikum die Globalisierungsbrille auf; er geht auf Kenndaten des weltweiten Ressourcenverbrauchs ein, der zu 88 Prozent auf das Konto von nur 19 Prozent der Weltbevölkerung gehe – und das gehe in diesen Größenordnungen ja nicht mehr lange gut. »Das ist alles bekannt, dafür gibt es eine tolle Website, google, da könnt ihr das nachlesen«, sagt er nicht uncharmant. Inspiriert von Al Gore macht er sich ernsthaft Sorgen und setzt dann mit einer Parabel über die sieben Sünden und die sieben Tugenden auf eine, alles in allem enttäuschend lapidare Moralpredigt. Nicht dass Weisheit, Gerechtigkeit, Mut, Mässigung, Glaube, Liebe und Hoffnung keine guten Orientierungswerte wären, im Gegenteil, sie sind ja im besten Sinne altbewährt. Doch Kolb argumentiert fast ausschliesslich philosophisch, universal, doch damit leider Gestalter-unspezifisch.

Ja, auche für Designer sei die Krux dringlich, also mit dem ungemässigten Ressourcenverbrauch, mit der ungerechten Verteilung des Reichtums, mit dem falschen Glauben an materielle Wohlstände und Konsumglück. »Wir müssen vom Ver-braucher zum Ge-braucher werden«, heisst eines seiner Credos; es der Natur gleich machen und wie sie keinen Müll produzieren sondern in Kreisläufen denken. Ja, klar, nickt das Auditorium still, aber leider verzichtet Kolb auf konkrete Beispiele, aus dem Leben des Kreativen gegriffen, am Wirken des Designers orientiert – immerhin war er mal Chef von über 500 Agentur-Mitarbeitern. Nur einmal gibt er dem Publikum mit seinem »Bohrmaschinengleichnis« ein im Wortsinne greifbares Exempel in die Hand: Wozu soll jeder Haushalt eine (oder mehr) Bohrmaschinen besitzen, die Bohrmaschinenhersteller sollten künftig in Löchern und Services denken. Meint das für Designer, sich (mehr) Werkzeuge zu teilen, oder vielmehr, den Kunden künftig weniger Produkte, dafür mehr Services zu liefern? Das bleibt offen, wie nahezu alles, was unterhalb der von Kolb beflogenen, global-moralischen Umlaufbahn der ethisch-korrekten Weltverbesserung Fragen aufwirft – wohlgemerkt aller drei Welten gleichzeitig. Ganz offensichtlich ist Kolbs Vortrag für alle da und für alle gleich (durchaus ressourcenschonend ;-)

Ebenso offensichtlich ist Kolb um Augenhöhe mit seinem Impulsgeber Al Gore und dem honorigen »Club of Rome« bemüht, deren Mitglieder er dann auch als »meine Kollegen« bezeichnet. Alles schön und gut für seine Auftritte vor Top-Managern, Chefetagisten und Ärzten oder anderen Gewissensträgern, alles gut und nützlich, um für eine weitere Think-Tank-Runde in seinem Luxus-Hotel in eben jenem Marrakesh zu werben. Die TYPO-Besucher sind dafür bekannt, stets nach konkreter Inspiration, personifizierter Leidenschaft und überzeugenden Beispielen zu dürsten. Und das auch oder gerade bei einer Auftaktreden. Kolb aber verzichet auf Beispiele, auf Designerspezifik. Seine zumindest vermutbare Leidenschaft ist im Moll seiner doch sehr pastoral vorgetragenen Bedenkenträgerei nicht zu erkennen. Wie inspirativ er am Ende für’s TYPO-Plenum ist, muss zumindest in Frage gestellt bleiben. Seine als Aufforderung gemeinte Frage »Was mache ich ab morgen anders?« schien mir schneller zu verpuffen als nach seinem Vortrag das Saallicht wieder anging.

Wie gut, dass darauf folgende Vorträge das TYPO-Motto griffiger und lebhafter interpretierten und inszenierten, etwa bei Kirsten Dietz (Design-Agentur Strichpunkt) oder Kaisa und Christoffer Lekka (finnische Buchgestalter). Doch dazu mehr im nächsten Post.

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