Folgende Situation: Unterricht an einer Hochschule mit staatlich anerkannten Bachelor- und Master-Studiengängen, „Irgendwas mit Medien“. Unangekündigt geht die Tür auf, die Lehrkraft fragt „Ja, bitte?“, eine Dame steckt den Kopf in den Raum, kramt aus einer Tasche eine Getränkedose und flötet: „Dürfen wir Ihren Studenten was Süßes zu Trinken geben?“ Hinter der Dame steht eine zweite, beide tragen die gleiche Jacke mit Werbeaufdruck und die gleiche Tasche mit Werbeaufdruck, alles identisch zur Getränkemarke. Ein Promotion-Trupp. Die Studierenden reagieren freudig erregt, die Lehrkraft …

Jetzt sind Sie dran. Wie würden Sie an der Stelle der Lehrkraft reagieren? Sie sagen:

a) „Oh, bitte, kommen Sie herein und erzählen Sie uns etwas über dieses süße Getränk. Ich nehme auch eins.“

b) „Hm, naja. Aber ganz kurz, bitte. Stellen Sie alles dorthin, ich verteile es in der Pause. Danke.“

c) „Ist das mit der Hochschule abgesprochen? Wen haben Sie gefragt, wer hat Ihnen das genehmigt? Ich frage sofort nach.“

d) „Ganz gewiss nicht! Das hier ist mein Unterricht. Warten Sie gefälligst bis Pause ist – und vor dem Hochschulgelände. Ich mache jetzt die Tür wieder zu.“

Falls Sie die Option „Weiss nicht“ vermissen: Die geht hier nicht. Sie können die Zeit nicht anhalten und die Lehrkraft muss sich irgendwie verhalten. Das Leben ist keine App.

OK, Sie haben sich für eine der vier Varianten entschieden. Hier die Auswertung:

a) Sie bitten die Promotion-Damen nur allzu gerne herein. Werbung gehört für Sie zum modernen Leben, ist überall willkommen, sollte nicht ausgegrenzt werden, ist relevant, ist kreativ, ist kommunikativ, ist nützlich, stützt immerhin ganze Branchen, speziell jene, die irgendwas mit Medien sind. Genau, sie thematisieren die Bedeutung von Marken-Kommunikation für Wirtschaft und Alltag und die Finanzierung der Medienbranche durch Werbung und Sponsoring mit den Studierenden in einem ad-hoc-Diskurs.

b) Sie lassen die Werbe-Unterbrechung zu. Doch Ihnen geht die Lehre vor, Sie sehen den Unterrichts-„Raum“ als schützenswert, haben moralische Bedenken gegen das Eindringen der Promotorinnen. Ihr Zugeständnis verstehen Sie als Ausnahme, behalten ihrer Ansicht nach aber die Oberhand über das Unterrichtsgeschehen und die Aufmerksamkeit der Studierenden.

c) Sie fragen zuerst nach der Legitimation der Damen, weil Ihnen die beispielgebenden Dimensionen eines solchen Werbe-Überfalls klar sind. Doch genau aus diesem Grund lehnen Sie die Verantwortung ab, eine Entscheidung zu treffen: das Hausrecht der Hochschule liegt bei der Hochschulleitung. Gäbe es von dort einen Erlass, diese oder jegliche Werbeaktion in der Hochschule beziehungsweise im Unterricht zuzulassen, würden Sie sich gewiss danach richten. Ohne das zu wissen, werden Sie den Damen weder etwas verbieten noch sie hereinlassen. Zur Klärung gehen sie sofort zur nächst höchsten Instanz, auf Kosten Ihres Unterrichts.

d) Sie untersagen diese unangekündigte, zudem werbliche Art der Unterrichtsstörung kompromisslos. Damit gehen Sie in die Verantwortung – unter Inkaufnahme von länger anhaltender Unruhe und Unmut der Studierenden. Sie scheuen auch nicht einen möglichen Konflikt, sollte sich herausstellen, dass die Promo-Aktion „gestattet“ war (womöglich ausnahmsweise) und Sie anders hätten handeln sollen. Ihnen ist es aus Moral und Prinzip wichtig, dieser und anderer Art der Werbung in Hochschulen im Wortsinn keinen Raum zu geben.

Und was ist nun richtig?

Wir lassen mal offen, ob dieser Promotion-Einsatz eine fixe, mithin spontane Idee des Teams war – oder zumindest danach aussehen sollte – oder ob das Ganze per Anfrage und Genehmigung quasi „erlaubt“ war. Die entscheidende Frage ist doch: Sollte es für Werbung in Hochschulen, mithin im Unterricht ein „richtig“ oder „falsch“ beziehungsweise ein „gar nicht“ geben?

In anderen „Räumen“ haben sich Werbung und Werbe-Ablenkungen ja längst eine Art Stammplatz erobert. Beispielsweise bei Sportveranstaltungen: Basketball-, Handball-, Volleyballspiele sind von Marken, Sponsoren und Promo-Botschaften restlos übersäte Dauerwerbe-Events, bei denen an sich der Sport wie die Unterbrechung wirkt; im Fußballstadion ganz ähnlich, da werden Zuschauerzahlen, Gelbe Karten und Elfmeter von Sponsoren präsentiert – ja, sogar die 30., die 60. und die 75. Spielminute, etwa von einem Mineralwasser.

Bei Kulturveranstaltungen, wie Kinos, Theatern und Musikbühnen, hat sich die hippe Pro-Motion-Bewegung „occupy events“ noch weitgehend zurückgehalten, zumindest was livehaftiges Unterbrechen des Hauptprogramms anbelangt – aber man weiss ja nie. Schließlich macht das Privat-/Fernsehen vor, dass man den Zuschauern offenbar jede noch so schmerzliche Unterbrechung des Genusses von Unterhaltung, Aufmerksamkeit und „Involvement“ zumuten kann – sei es bei Spielfilmen, Serien, Shows, Sportübertragungen oder auch bei Informationssendungen. Ist halt ein „notwendiges“ Finanzierungs-Instrument, ohne das alles viel teurer oder miserabler wär. So ist das eben bei „was mit Medien“.

Zurück zu Hochschulen, die sind ja was anderes, als Sport und Medien, nicht wahr? Wie auch immer der geschilderte Vorfall ablief (in einer der vier Varianten, so viel sei gesagt), eines dürfte klar sein: verbuchen die beteiligten Promotoren und deren Auftraggeber die Aktion irgendwie als Erfolg, dann ist damit zu rechnen, dass dort der Eindruck des in die Tür gestellten Fußes nachbleibt. „Werbung in Hochschulen, da geht (doch noch) was“. Und so etwas spricht sich in der Promotion- und Marketing-Branche schneller herum als ein Stand mit gesponsortem Freibier in einem Sportstadion.

Wie also würden Sie entscheiden?

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