Apropos Leistungsschutzrecht

Die Verlegerverbände wollen es gerne haben, die Koalitionsregierung hat es in Aussicht gestellt und die Medienbranche diskutiert es heftig: Das so genannteLeistungsschutzrecht. Es soll, kurz beschrieben, eine „Verbesserung des Schutzes von Presseerzeugnissen im Internet“ ermöglichen.

Wenn damit der Schutz vor unerlaubter und vor allem unerlaubter kommerzieller Weiterverwendung gemeint ist, gut. Gleichwohl stehen Urhebern und deren Lizenznehmern (was Verlage in aller Regel sind), durch entsprechende Urheberrechtsschutz-Regelungen probate Werkzeuge zur Verfügung, um sich gegen Klau und Plagiate zu wehren.
Was soll dieses Leistungsschutzrecht denn dann bringen?
In einem Wikipedia-Eintrag zum Leistungsschutzrecht für Presseverleger wird folgendes Pro-Argument zitiert: „Das Leistungsschutzrecht sei zudem nötig, um Presseverlage vor einem unlauteren Ausbeuten ihrer Leistung durch Suchmaschinen zu schützen“.

Was soll denn an Suchmaschinen „unlauteres Ausbeuten“ sein?
Eine Suchmaschine führt den Verlagen Leser zu, und lässt sich diese Hinführung bezahlen. Ja, und?
Im echten Leben gibt es doch auch Stadtführer, Reiseführer, Stadtrundfahrten. Eine richtige Branche, die für Busfahrten, Radtouren oder Spaziergänge entlang von Sehenswürdigkeiten Geld verlangt. Schlimmer noch: Sie verkaufen mitunter auch Werbeflächen auf ihren Bussen und Rikschas. Wie gemein, wie ausbeuterisch!
Gäbe es einen Verband der Sehenswürdigkeiten-Besitzer und -Betreiber (gibt es ihn womöglich?), wieso kämpft dieser nicht längst für Abgaben durch die Reiseführer-Branche? Für ein Leistungs-Schutzrecht, für eine Besichtigungs-Steuer?!
Wer hat denn die Kirchen, Kathedralen und Doms (Döme?) gebaut, wer hält denn Türme, Tore, Rathäuser und historische Gebäude instand, wer pflegt denn Friedhöfe und Denkmäler, und vor allem, wer unterhält denn die grossen Geschäftsstrassen und Flaniermeilen?
Na? Das schert diese feinen Stadt- und Reiseführer wohl nicht, diese lebenden Suchmaschinen. Allwissend und schnell führen sie ihre Kunden einfach da hin, wo es die Sehenswürdigkeiten erst interessant machen, erzählen dazu was, was sie auch nur nachplappern und wirtschaften die damit erzielten Umsätze einfach nur in die eigene Tasche – so geht das doch nicht weiter!!

Komisch nur, dass im realen Leben viele Sehenswürdigkeiten Eintritt verlangen – und mit jeder von den Stadt- und Reiseführern hingeführten Gruppe kommt neues hinzu. Mehr noch: Es soll sogar vorkommen, dass jene, die das Publikum gezielt heranführen und richtig schön neugierig auf das gebührenpflichtige Angebot machen, dafür eine Provision erhalten. (Schmiergeld, Bakschisch? Ach, was: Im Netz fällt das unter „Suchmaschinen-Optimierung“)

Würde, sagen wir mal, ein berühmtes Wachsfigurenkabinett in Berlins Mitte, keinen Eintritt nehmen und müsste es gleichzeitig mit ansehen, dass Stadt- und Reiseführer damit Geld verdienen, ganze Busladungen in seine täglich gepflegte Schau aus aufwendig herzustellenden Qualitäts-Figuren aus Hand von Fachleuten zu schieben, dann wäre verständlich, dass … OK, wir haben’s verstanden, denke ich. Bitte beachten: „täglich gepflegt“, „aufwendig herzustellen“, „Qualitäts-Figuren“, „aus Hand von Fachleuten“.

Mir ist nicht klar, wo das wirkliche Problem der Verleger ist; insbesondere jener, die den Kräften der freien Märkte so sehr vertrauen, dass sie den Entscheidungen der Verbraucher, ob nun Käufer am Kiosk oder Surfer im Netz, praktisch alles zutrauen?
Es ist doch alles ganz einfach:
Den Heftpreis erhöhen, den Abopreis erhöhen, für den Online-Zugang Gebühren erheben!
Wie jetzt, etwa nicht von der Güte des eigenen Produkts überzeugt? Etwa keinen Mut, den Verlust von preis-empfindlichen Lesern hinzunehmen, dafür aber die verbleibenden Leser mit Qualität, Leidenschaft und Gegenwerten zu binden, um mit ihnen dann doch wieder mehr zahlende Leser und Nutzer zu erreichen? Vielleicht doch kein Vertrauen in die eigenen Stärken?
Aha, aber die Redaktionen zusammenschrumpfen; den Etat für freie Mitarbeiter einfrieren, kürzen oder streichen, sodass diese fast auf dem Niveau ehrenamtlicher Mitarbeiter landen; Meterwaren-Content preiswert von Agenturen einkaufen; auf kostenlosen PR-Content zugreifen. Und für das, was dabei herauskommt dann ein Leistungsschutzrecht beim Gesetzgeber einfordern, … so, so.

Naja, halten wir fest: auch die Stadt- und Reiseführer gehen durchaus dynamisch vor und wechseln ihre Ziele, stets der Nachfrage entsprechend. Die Besucher wollen ja nicht ewig die gleichen Kirchen, Siegessäulen und andere Symbole einstiger Mächte und Größen sehen …

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