Joss Stone Live in Berlin

Beim Konzert der britischen Sängerin braucht die Band reichlich Zeit, um deftig zu klingen, während Stone den an sich urbanen Tanz-Club-Soul mit einem Gala-Diner-Outfit-Auftritt konterkariert. Das heftige, leider zu kurze Finale jedoch versöhnt.

Die Band wirkt müde. Ihr instrumentales Intro klingt schlampig, die Truppe scheint fahrig. Taugte das Catering nichts? Oder gab‘s Backstage-Stress? Dem Sound des siebenköpfigen Ensembles fehlt nicht allein der Gesang, er wirkt etwas fade, wie ein Salat ohne Dressing.

Grosser Jubel, als Joss Stone die Bühne betritt und singt. Presst, röhrt und tremolodelt, genau wie auf ihren bislang vier Alben und bei diversen Gastauftritten, etwa mit Mick Jagger und Dave Stewart beim „Alfie“-Soundtrack, mit Raphael Saadiq, bei Herbie Hancock oder mit Buddy Guy. Ihr Gesang ist sicher, kräftig, ja, soulful, volle Pulle Stimme. Es macht Spaß, ihr zuzuhören. Sie hat den gewissen Punch, den Soul braucht, um nicht nur die Tanzbeine sondern auch den Gefühlsbauch zu erfreuen.

Indes bleibt die Band über rund 45 Minuten ein wenig zu hölzern, wirkt alles etwas durchschnittlich und kraftlos. Der Wille zur Magie scheint zu fehlen, die Musiker sind offenbar mit einem Unentschieden zufrieden und kicken sich so durch die Partie. So entsteht der Eindruck, dass hinter der Chefin eine handwerklich ordentliche Tour-Band spielt, aber eben nicht mehr. Stone wird die fünf Musiker und die beiden Background-Sängerinnen im Verlauf des Abends auch nicht richtig vorstellen, und es gibt auch nur ganz kleine Solo-Parts für jeden, zu kurz für nachhaltige Wirkungen.

Indizien für das Diva-Syndrom, welches der Ausnahme-Sängerin nachgesagt wird? Oder mangelnde Coolness, ja, Zeichen der Verunsicherung, weil sie ja trotz bereits sechs Jahren im Business mit ihren 22 Jahren einfach noch sehr jung ist? Ich weiss nicht genau. Souverän ist ihr Gesang in jedem Fall, auch unique, Joss Stone ist schnell herauszuhören. Obgleich sie mit diesem beinharten Soul-Timbre natürlich in die Liga der aussergewöhnlichen Gentlewomen gehört, in der traditionell viele schwarze Sängerinnen spielen, von Aretha Franklin über Chaka Khan bis Sharon Jones. Und von denen wiederum einige dem – keineswegs wertend gemeinten – Klischee der selbstbewussten „Wuchtbrumme“ entsprechen, die Kraft ihrer Stimme richtig auf den Putz hauen und Gefühlsausbrüche in Manifeste verwandeln können.

Das gelingt Joss Stone in den besten Momenten ihres Konzertes genau so, nur scheint zunächst die Verbindung, die Chemie mit der Band nicht ganz zu stimmen. Sie hangeln sich so durch‘s Repertoire aller vier Alben. Als sie in einem Song abrupt den Beat wechseln und die zuckende James Brown-Nummer „I Got A Feeling“ einflechten, fehlt dem Ganzen irgendwie der, der, der … naja, vielleicht so etwas wie der Schweiss. Auch das mag Klischee sein, aber die Aura, die Joss Stone heute Abend versprüht, hat zu wenig von einem brodelnden, hemmungsfreien, ausgelassenen Tanz-Club, dem eigentlichen Lebensraum und Biotop dieser Musik und – trotz aller Souligkeit – zu viel von Gala-Abend und rotem Teppich und Glamour.

Bisher stilisierte sich die Engländerin als unbefangener Hippie-Twen, mit buntem Flower-Power-Outfit, mal auf Strumpfhosen, mal auf der Haut. Immer farbig, immer flippig, mit Schlabberlook und gerne barfuß, so kennt man sie von Covern und Fotos. Heute aber kommt sie in einem knallengen, edlen Diner-Kleid, ihre aufwendig gestylte lange walla-walla-Mähne erinnert an einen dieser Hair-Care-Werbespots. Die ganze Erscheinung signalisiert (mir) „Luxus“, und das macht aus der Soul-Show ein bisschen ein Vexierbild. Sie singt vom „dirty man“, sie sagt auch mehrmals „fuck“ und plaudert recht ungeschliffen mit dem Publikum. Und lässt beim Höhepunkt des Abends, einer überwältigenden Version des Songs „Incredible“, wirklich die Rampen-Sau raus, croont und wütet, ist fast ausser sich. Entspricht optisch dabei aber stets einem Top-Model oder einer dieser Frauen aus „Desperate Housewives“. Also, mich irritiert das.

Gleichwohl, die finalen 30 Minuten, inklusive einer Zugabe, gehen dann musikalisch und Vibrations-mäßig in Ordnung. Das Publikum darf einmal mitsingen, die beiden amerikanischen, farbigen Background-Sängerinnen schmettern ein dickes Solo-Brett, die Band wird laut, heftig, deftig und klingt nun füllig und hungrig. Gerade deshalb hätte der Zugaben-Block gerne üppiger ausfallen können, zumal rund 75 Minuten für eine solche Show arg kurz sind. Doch die frenetische Zugaben-Bettelei wird einfach abgewürgt, ausgerechnet – kein Witz (und bestimmt kein Zufall) – mit Santana‘s „Black Magic Woman“. Very funny.

Joss Stone gastiert heute, am 5.3.2010, in Hamburg (Docks) und tourt weiter durch Europa: www.jossstone.com/tourdates.html

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