Selbstüberschätzing mit Charme

Ich habe die „Limit“-Bühnenshow des Bestseller-Autoren Frank Schätzing gestern im Berliner Admiralspalast gesehen. Ganz so dämlich, wie in einer Rezension in „Der Freitag“ beschrieben, war sie nicht.
[Ergänzung/Aktualisierung: Etwas differenzierter und aus meiner Sicht auch fairer bewerten die Show „Der Tagesspiegel“ (11.3.2010) und die „tageszeitung“ (5.3.2010). Mein Text entstand übrigens als Replik auf den „Freitag“-Bericht, weshalb ich auf die dort erläuterten Show-Inhalte weniger eingehe.]

Klar, den Vorwurf, hier selbstdarstellt eine Art Selbstüberschätzing auf einer Bühne herum, die er an sich nicht nötig hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Ebenso die Feststellung, dass ihn eine, wenngleich charmante Eitelkeit treibt. Wäre da nicht die Tatsache, dass sein erster Roman vier Millionen mal verkauft wurde. Denn Verkaufszahlen, Quoten, Kassenumsatz, Werbeumsatz, Lizenzeinnahmen – wer in diesen Disziplinen Rekordzahlen generiert, der hat – nach Logik der Massenmedien jedenfalls – sowieso immer recht. Also ist so eine „Show“ keine schlechte Idee. Warum soll „Literatur“ nur als Lesung, in Talkshows oder via Rezensionen zu medialen Märkten getragen werden?


Abbildung: Die Website startet mit einem animierten Intro – exakt das Gleiche, mit dem auch die Show beginnt

Das Ganze ist nur eine kostenpflichtige Marketing-Veranstaltung? Ja, klar, aber das ist doch nicht ungewöhnlich. Für eine Buchmesse zahlt man ja auch Eintritt, für Tourismus-Börse, Funkaustellung, Grüne Woche, Autosalon – für eine Messe legen manche Familien mal eben 100 Euro Gesamt-Eintritt hin, um dann an hunderten von Marketing-Ständen unterwürfigst nach Werbe-Geschenken zu gieren und sich bei dümmlichen Mitmach-Spielchen wie Marken-Clowns zu benehmen. Mitmaching gab es bei Limit überhaupt nicht, doch auch Schätzing liess Goodies „verschenken“: auf jedem Sitz lag die erste CD der Hörbuchversion von Limit. „Anfixen“, na klar, denn das Gesamtwerk läuft auf 22 CD‘s (oder 1300 Seiten). Klapper, Klapper. Auch teure Pop-Konzerte werben oft unverhohlen für den Kauf von Tonkonserven und T-Shirts, obwohl die Besucher ja schon satt bezahlt haben, für Eintritt, Getränke, Toilettenbenutzung, Garderobe. Gleichwohl: solange man sich gut unterhalten fühlt … .

Was nun „gut unterhält“, bleibt relativ. Schätzing bemüht sich als Ein-Mann-und-eine-Leinwand-Show um Abwechslung, setzt aber auf das Seichte. Das ist durchaus folgerichtig, denn vier Millionen, das meint doch, er hat breitest mögliche Leserschichten, von jung bis alt, von gering gebildet bis intellektuell, von unbelesen bis klugscheissend. Er flechtet geschickt Musik von Sci-Fi-Klassikern wie „2001“ ein, darf Einspieler zum „Weltraum-Fahrstuhl“ vom ZDF übernehmen. So bleibt er auf TV-Niveau, aber auch das muss ja nicht gleich „blöd“ bedeuten. Sind Joachim Bublath und Ranga Yogeshwar ja auch nicht (und machen ja dann auch TV zu Büchern).

Klar, den deutlich erkennbaren Science-Fiction-Fans und Technik-Nerds im Publikum dürfte Schätzings Geplauder zu lapidar sein. Doch der war jahrelang Werbeprofi. Er inszeniert Marken – hier „Limit“ – am liebsten ganzheitlich. Und er weiss, dass er mit seinen laut gedachten Umwelt-Energie-Machtpolitik-Überlegungen und den knalligen Weltraum-Fahrstuhl-Bewegtbildern vor allem eins stimuliert: das Bedürfnis, ja, die Sehnsucht der Zuschauer nach einer vorstellbaren, spannend erzählten Zukunft – und damit der nach der ganzen Geschichte, sprich: seinem Buch.

Zwingend ist die Show gewiss nicht. Ob Frank Schätzing ein zeitgenössischer Stanislaw Lem, ein neuer Herbert W. Franke oder ein deutscher John Brunner ist vermag ich nicht zu beurteilen. (So ein Vergleich mit großen Science-Fiction-Unterhaltern würde ihm gewiss gefallen; in der Show lässt er den Namen Dan Brown in abfälligem Kontext nennen). Ob die „Limit“-Show gar ein Wegbereiter für derlei Literatur-Events ist, würde ich nicht ausschliessen. Aber klar ist auch: spektakulärer, dichter und erhellender – Stichwort „No Limits“ – geht‘s bestimmt.

Die gut gemachte Website lädt zum Entdecken ein:

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