Unvergessen: Prince († 21.4.2016)

Heute vor drei Jahren, am 21.4.2016, ist Prince gestorben. Er wurde 57 Jahre alt. Die Menge der Bücher, Fotobände, Magazine über ihn ist mittlerweile auf weit über 50 Titel angeschwollen, und diese Zahl meint nur die gedruckt verfügbaren. Ich arbeite seit einiger Zeit an einem Reader, der die Literatur über Prince bewertet, analysiert, einordnet und vergleicht. Hier nun, anlässlich des dritten Todestages von Prince, ein erster Einblick, eine Art Werkstattbericht.*

Prince war einer der außergewöhnlichsten Musiker und Popkünstler unserer Zeit, extrem talentiert und vielseitig. Mit seiner Musik erreichte er weltweit ein Millionenpublikum und genoss bei Musiker*innen – ebenfalls weltweit – hohes Ansehen.

Was ihn antrieb und seine Musik ausmachte, wie er aufwuchs und sich von seinem Geburtsort Minneapolis aus – wo er bis zu seinem Tod wohnte – zu einem Weltstar entwickelte, wer ihn prägte und beeinflusste, wer ihn entdeckte und förderte, woher seine Haltungen kamen und wie er sie gegenüber Plattenfirmen und Fans vertrat – all diese und weitere Aspekte beleuchten, beschreiben und durchdringen mittlerweile mehrere Dutzend Bücher und Sonderhefte.

Ende der 80er Jahre – den Jahren seiner größten kommerziellen Erfolge – erschienen die ersten Biografien über Prince, darunter die erste längere Abfassung „Prince. A Pop Life“ von Dave Hill. Oder das Frühwerk „Prince. Imp Of The Perverse“ von Barney Hoskyns, sowie das schnell zum Referenzwerk für Fans und nachfolgende Chronisten avancierte „Prince. A Documentary“ von Per Nilsen, einem Durch-und-durch-Fan, der akribisch Fakten und Hintergrundinformationen zusammentrug. Zudem gab es immer wieder Titelgeschichten in Musik- und People-Magazinen. An sich aber blieb die Menge der Publikationen über ihn recht überschaubar.

Ab Mitte der 90er, als Verkaufszahlen seiner Alben und seine Popularität wieder zurückgingen, kamen kaum neue Werke über Prince dazu. Das Interesse an ihm war so sehr gesunken, dass Verlage wohl kaum Erfolgschancen für eine Publikation sahen. Zudem wirkte sein Bruch mit seinem einstigen Label Warner, die Änderung seines Namens in ein Symbol, sein hartnäckiges (und teures) Streben nach künstlerischer und wirtschaftlicher Autonomie mit eigenem Label, eigenen Vertriebsstrukturen und selbst kontrolliertem Fanclub auf viele eher befremdlich. Vor diesem Hintergrund der, sagen wir mal , „aufgewühlten Jahre“, entstand die 1997 erschienene, kontrovers aufgenommene Biografie „Slave To The Rhythm. The Artist Formerly Known As Prince“ der Autorin Liz Jones. Nicht zuletzt öffnete sich Prince gerade in dieser Zeit sehr selten den Medien, gab äußerst selten Interviews, galt für Journalist*innen als sperrig und unberechenbar.

Erst ab Anfang/Mitte der Nuller Jahre nahm das Interesse von Autor*innen an Prince wieder zu. Ob das nun an einer Reihe bemerkenswerter Alben jenseits des Mainstreams lag – Jazz, Ballettmusik; oder ob es seine sehr frühen, oft strategischen, aber auch widersprüchlichen Vorstöße waren, das Internet als Vetriebskanal und für Fancommunities zu nutzen, um es einige Jahre später komplett zu meiden und dann mit ungewöhnlichen CD-Vertriebsmethoden Schlagzeilen zu machen; ob sein Beitritt zu den Zeugen Jehovas neue Aufmerksamkeiten weckte; oder oder ob schlicht die von ihm kontinuierlich veröffentlichten, von den Kritikern nahezu reflexhaft jeweils als „Comeback“ titulierten Alben dazu führten, sich mit Prince tiefer zu beschäftigen? Vermutlich von allem etwas und noch mehr Gründe zusammen. Vornehmlich in den USA und Großbritannien kamen neue, zum Teil hochinteressante Titel dazu. Etwa die umfassende Biografie „Possessed“ („Besessen“) von Alex Hahn – heute eines der, wenn auch durchaus streitbaren, Standardwerke über Prince (es liegt in deutscher Übersetzung vor). Oder das großartige, eine sehr eigene Perspektive einnehmende  Porträt „I Would Die 4 U“ von Touré.

Nach Prince‘ Tod, also ab Ende 2016, kam eine regelrechte Flutwelle an Veröffentlichungen heraus. Zuerst von Musik- und People-Magazinen, die sich bei Fotos, Interviews und Artikeln ihrer eigenen Archive bedienten und mit Sonderausgaben am schnellsten reagieren konnten. Zudem aktualisierten einige Biografen ihre Werke um neue Kapitel. Dann legten große Verlage neue Biografien vor, die meist von renommierten Musik-Journalisten stammten. Etwa die jeweils sehr empfehlenswerten Bände von Matt Thorne („Prince“), von Ben Greenman („Dig If You Will The Picture“) und von „Joseph Vogel („This Thing Called Life“). Letzteres, so viel lässt sich 2019 festhalten, ist eines der besten, wichtigsten und lesenswertesten Bücher über Prince.

Joseph Vogel, renommierter Autor und Englisch-Professor in den USA, setzt sich ebenso gewinnbringend wie überzeugend mit sieben Aspekten auseinander, die den Künstler und die Persönlichkeit Prince nicht nur prägten, sondern ihn leiteten und ausmachten: Seine Haltungen zu Politik, Sound, Rasse, Geschlechtern, Sex, Religion und Tod. Hierbei geht der Autor sehr akribisch und gründlich vor, wovon das wahrlich beeindruckend riesige Verzeichnis der genutzten Quellen und die Bibliografie zeugen. Na, gut, Vogel ist Akademiker und sein College unterstützte und förderte sein Vorhaben. Zudem konnte er auf zahlreiche neue Bücher und aktualisierte Biografien zugreifen, die nach Princes Tod 2016 herauskamen, von dieser gewachsenen Fülle profitiert sein wissenschaftliches Herangehen enorm.

Gleichwohl setzt der gewissenhafte Autor in seinen – durchaus auch biografisch aufgebauten – Betrachtungen vor allem bei den Songtexten, Albenkonzepten und originalen Aussagen von Prince an. Die sind für ihn am wichtigsten. Was andere Autoren und Journalisten analysierten und recherchierten, nimmt er dann hinzu, um seine Thesen zu stützen oder auch mal zu relativieren – dieses intensive „Beackern“ seiner Themen macht die sieben Kapitel so ertragreich. Sein kluger Ritt durch Oeuvre und Quellen liest sich flüssig, wobei gewiss hilfreich ist, in Texten und Schaffen von Prince gut zu Hause zu sein.

Vogel gibt unumwunden zu erkennen, wie sehr er Prince zugetan ist, seinem Gesamtwerk, seiner Kunst, womöglich ist er harter Fan. Wahrscheinlich liegt darin das Motiv für ihn, sich ebenso ernsthaft wie tiefer gehend damit zu beschäftigen, was einen so talentierten wie eigensinnigen, so manischen wie disziplinierten Ausnahmekünstler wie Prince antrieb, wie und wohin er sich entwickelte. Etwa bezüglich Religiösität – was machte es mit ihm, dass er sich den Zeugen Jehovas anschloss? Obwohl er offen bis radikal unverblümt über Sex sang, der ihm stets viel bedeutete. Und was Vogel dabei im Zuge seiner sieben Thesen zu Tage fördert, ist so noch nicht benannt oder geschrieben worden, genau das macht sein Buch so wertvoll. Es erweitert den Blick und den Erkenntnisstand zu Prince – und zwar deutlich.

(…)

Das Buch von Joseph Vogel kommt komplett ohne Fotos und ohne Diskographie aus, dafür mit einem, bereits erwähnten, umfangreichen Index aus Notizen, Quellenangaben und Literaturverweisen. Es ist konventionell gestaltet, gut gesetzt und hervorragend gebunden, der Schutzumschlag fühlt sich leicht gummiert und dadurch recht edel an – ein ordentliches Produkt. 

Für Prince-Fans ein „must-have“. Für alle, die sich einem der wichtigsten afro-amerikanischen Popmusiker der Gegenwart anhand seiner Inhalte und Haltungen nähern wollen, ist „This Thing Called Life“ ein großer Gewinn, unbedingt empfehlenswert.

Bewertung (• bis •••••)

Gesamt: •••••

Texte: •••••

Fotos: – 

Informationsgehalt: •••••

Produktausstattung: •••

Bibliografische Angaben

This Thing Called Life. Prince, Race, Sex, Religion, And Music; Joseph Vogel
2018, New York/USA, Bloomsbury Academic/Bloomsbury Publishing, Hardcover, englisch, 240 Seiten, 
ISBN 978-1-5013-3397-2

Insbesondere an Fans richten sich dann sowohl die – nach 2016 – nach und nach erschienenen Fotobände, in denen die (wenigen) Haus- und Stammfotografen eine Auswahl ihrer schönsten und bezugsreichsten Aufnahmen präsentieren, mitunter auch anekdotisch kommentiert. So beim sehr empfehlenswerten „Prince. A Private View“ von Afshin Shahidi. Auch die autobiografischen Bücher von Sheila E., Mayte Garcia, Owen Husney, Marylou Badeaux erfordern tiefergehendes Interesse an Prince. Sie alle waren Lebens- oder Weggefährten von Prince und reflektieren – in einzelnen Kapiteln oder Abschnitten ihrer Bücher – mit autobiografischen Erinnerungen die Zusammenarbeit oder das Eheleben mit Prince (Mayte Garcia), sein Wesen, seine Charakterzüge abseits seiner öffentlichen Pop-Persönlichkeit – meist sehr aufrichtig, aber nie nachtragend.

Reine Quellenliteratur sind dann Werke, die in nahezu protokollarischer Manier festhalten, wie es zu „Purple Rain“ kam, also Album und Film, in unfassbarer Detailliertheit und  Dokumentenfülle. Oder auch ein kürzlich erschienener Band, der zahlreiche (meist bekannte) Interviews mit Prince versammelt und bündelt. Nicht zuletzt eine Aufarbeitung des Todes von Prince, der an einer Überdosis Schmerzmittel starb, „The Death of Prince Rogers Nelson: An Investigation“von Jay Corn. (Habe ich noch nicht einsehen können.)

Schließlich gibt es noch jene Bücher, die entweder Mitstreiter, Mitarbeiter oder Fans (aus aller Welt) mehr oder weniger in Eigenregie verfassten und als Selfpublisher herausgeben. Inwieweit diese im Reigen der vorhandenen Literatur über Prince noch einen Mehrwert haben oder den Erkenntnisstand zu ihm erweitern, ist schwer zu sagen. Auch hier kommt es auf die eigene Perspektive, auf das eigene Verhältnis zu Prince an – also wie sehr „Fan“ man am Ende ist (oder aus anderen Gründen Tiefeinsteiger in eine solche Pop-Persönlichkeit). Fanzines, Fanclubs, Fanforen gibt es im Internet reichlich, sie sind in der Regel eher großes Palaver und Selbstvergewisserung, oft Schauplatz von Eitelkeiten oder auch Arena für Zwisteleien um die Deutungshoheit. In eine dieser Kategorien mögen die vielen selbst herausgegebenen Bücher fallen (ich habe bisher nur wenige von ihnen gelesen), doch auch hier gibt es – für Fans – mitunter Überraschendes zu entdecken.

Seit Ende 2018 kamen einige neue Titel hinzu, die ich noch nicht habe und daher nicht in die Collage zu diesem Werkstattbericht einbauen konnte. Hinzu kommen ein paar Titel, die lediglich als eBooks verfügbar sind, ich konnte sie also nicht auf die Terrasse legen und fotografieren (so ist ja die Collage entstanden) – doch auch hier versprechen Titel wie „Sign O‘ The Times“ von Michealangelo Matos eine hoffentlich ertragreiche Lektüre.

Es zeigt sich: Die Literaturfülle zu Prince nimmt weiter zu. Das beweist, wie groß das Interesse an Prince weiterhin zu sein scheint, bei Fans und Musikliebhabern, auch nachwachsender Generationen. Auch so bleibt er unvergessen.

 

*Sollte jemand Interesse an einer Zusammenarbeit haben, meinen Prince-Reader als Artikel, Serie oder Buch veröffentlichen wollen, freue ich mich sehr über eine Kontaktaufnahme: steinhau@hest.de

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