Online-Journalismus braucht Multiversalität und Partizipation

Zwei Erkenntnisse nehme ich als Teilnehmer wie Beteiligter von der diesjährigen djv-Konferenz „Besser Online“ mit: Zum einen gibt es eben nicht den Journalismus, man muss ihn unter anderem nach Genres, Formaten und den erreichten Teil-Öffentlichkeiten differenziert betrachten. Dementsprechend sind auch „die Journalisten“ in ihren Arbeitswirklichkeiten, Fähigkeiten und Ansprüchen sehr heterogen. Wohl deshalb erwarten die einen der rund 250 Teilnehmer einer solchen Online-Journalismus-Konferenz schlicht Einsteiger-Tipps, etwa für Online-gerechte Überschriften und Texte oder sie suchen pragmatischen Rat, wie man einen Verleger vom irgendwie überfälligen Gang der regionalen Tageszeitung ins Web überzeugen kann, insbesondere wenn dafür gar keine zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung stünden.

So zumindest lauten Fragen aus dem großen Auditorium an das Panel auf der großen Bühne. Diesem überraschenden, unsicheren Herantasten an digitales Publizieren – immerhin im Jahr 19 nach Start des World Wide Web – stehen die anderen der Branche gegenüber: jene Digital-Avantgardisten, die beflissen über „Shitstorm-Abwehr“, „Social Media Recherchen“ und „Kuratierung“ als moderne Redaktions-Praktiken fachsimpeln. Angesichts solcher Bandbreiten heisst das zunächst, dass es auch bei einer „Besser Online“-Konferenz nicht leicht  ist zu ermitteln, wo der Online-Journalismus in Deutschland wohl gerade steht.

Zum anderen zeigt sich (mir) nach einem Podiumsdiskussionsintensiven Tag in Bonn, dass es für den Online-Journalimus eigentlich nur zwei echte „Distinktionsmerkmale“ gibt, also Eigenschaften, die ihn vom bisherigen, klassischen, analogen Journalismus unterscheiden, abheben, ja, abgrenzen: Multiversalität und Partizipation.

Multiversalität meint, dass der online auftretende Journalismus überall verfügbar, mit denkbar kurzen Reakationszeiten und zugleich so multimedial wie möglich verfügbar sein muss. Schon heute, 2012, erwartet ein hochgradig sozial vernetztesPublikum, dass Journalismus gefälligst auf allen Geräten stattfindet, mit denen es kommuniziert und sich informiert (und darüber wieder kommuniziert): Auf Mobiltelefonen und Smartfons, Tablets und Notebooks, Personal Computern und Fernsehern, bald auch auf Spielkonsolen und Kühlschränken, e-Book-Readern und Navigationsgeräten. Nachrichten, Meldungen, Berichte, Meinungen und Bewertungen, die sich nicht den jeweiligen Bildschirmformaten und Nutzungsgewohnheiten anpassen, finden (schon bald) abnehmend Leser. Ebenso werden es Medienformate, egal welchen Ursprungs aus dem Print-, Radio- oder TV-Segment, desto schwerer haben, je weniger sie integriert sind in Kommunikationsplattformen, wie Facebook, Twitter, Instapaper, Evernote oder Dropbox. Deren tägliche Nutzung ist längst so ritualisiert und dominant, wie es die festen Medienrezeptionen mal waren, von Frühstückszeitung über Arbeitsradio bis Entspannungsfernsehen.

Online-Journalismus muss ominpräsent und integrativ, schnell und crossmedial auftreten

Nur wer quasi in Echtzeit meldet, vor Ort ist, berichtet, subsummiert, dazu Bewegtbilder, O-Töne, Fotos, Infografiken und ordentlich viel Meinung anbietet – bei gleichbleibender Wahrhaftigkeits-Qualität – den belohnt das Publikum mit Aufmerksamkeits-Beweisen: Was früher die Auflage, der Strassenverkauf, die Quote waren, sind heute die Klicks, die Retweets, die „Gefällt-mir“- oder „+1“-Zusprüche. Die Multiversalität eines online-journalistischen Angebots bestimmt seine Professionalität, darunter fallen auch die auf der Konferenz thematisierten Trends „Daten-“ und „Drohnenjournalismus“, sie stehen für Komplexitätsreduktion und Telepräsenz.

Partizipation ist das zweite Unterscheidungskriterium für Online-Journalismus. Kaum ein Panel der Besser Online-Konferenz kommt ohne die Frage nach der Beteiligung des Publikums, der Einbindung von Social Media-Aktivitäten und dem redaktionellen Umgang mit der „Interaktion“ aus. Weil diese Integration von Lesern, Nutzern, „Bürgern“ vielen Journalisten völlig neu ist und ihnen enorm zeitaufwändig, ablenkend erscheint; weil viele Redaktions- und Content Management Systeme vielleicht Kommentarforen, nicht aber transparentes Vorschlagswesen oder Prozesse für externe Mitarbeit bieten können; weil die Angst vor dem Verlust redaktioneller Hoheit groß, doch die Angst vor dem Verkleinern der Redaktion zugunsten der assoziierten Leser noch größer ist. Gleichwohl werteten alle Online-Profis auf Podien und in Auditorien die Partizipation als eine Art Schlüsselfaktor, um Vertrauen aufzubauen, Wir-Gefühle zu entwickeln und sie auch als Kunden zu binden, die „Nutzer“.

Den „Rezipienten“ gibt es bald nicht mehr, das klingt zu passiv: was zählt, ist die sichtbare Beteiligung

In dem von mir moderierten Panel „Neue Studien zum Online-/Crossmedia-Journalismus“ arbeiteten die drei beteiligten Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer, Martin Welker und Wiebke Loosen in einer überraschend gut zueinander passenden Abfolge heraus, wie wichtig die Publikumsbeteiligung schon jetzt für die Medien im Allgemeinen und für den Journalismus im Besonderen ist – und zunehmend sein wird. (Der ebenfalls eingeladene Christoph Neuberger musste seine Teilnahme leider aus privaten Gründen kurzfristig absagen). So zeigte Martin Emmer von der FU Berlin („Zum Einfluss des Internets auf die Mediennutzung der Deutschen“), dass die Mediennutzungsgewohnheiten der nachrückenden Generationen doch erheblich andere sind als die ihrer Vorgänger-Generationen. Gleichwohl spräche aber deren abnehmende Nutzung von (gedruckten) Tageszeitungen – bei  zunehmender Zeit mit diversen Online-Medien und -plattformen – keineswegs für ein wachsendes Desinteresse an oder Wissen über Politik. Martin Welker von der Uni Leipzig („Leserbeiteiligung mittels Rechercheprozessen“) und Wiebke Loosen vom Hamburger Hans Bredow-Institut („Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums“), dass Publikumsbeteiligung in den Redaktionen von Massenmedien zwar schwierieg sei, aber generell zunehme, und dass der Einfuss dieser Partizipation nicht nur auf die Inhalte und die redaktionelle Ausrichtung sichtbar sei sondern auch auf die Recherche. Die sich daraus ergebenden Entwicklungen würden zumindest als begrüßenswert wahrgenommen, wenn mit gemischten Gefühlen in der Umsetzung. So oder so wäre der Begriff, das Bild des „Rezipienten“, als passivem „Verbraucher“ der journalistischen Produkte, schon bald obsolet, weil die sichtbare Beteiligung der „Nutzer“mehr und mehr zu einem wichtigen Kriterium für (journalistische) Medien würde. Aha!

Dies ist eine zugegeben etwas grobe Vereinfachung der jeweils vorgestellten Studienergebnisse. Die Zahlen, Infografiken und Kernaussagen dazu lassen sich in den nachfolgend eingebetteten Präsentationen nachlesen. Doch in der Tendenz bestätigten die Befunde, Erläuterungen und Antworten der drei Journalismus-Forscher die Anfangsthese, dass die Partizipation nicht nur Unterscheidungsmerkmal für den Online-Journalismus ist. Vielmehr könnte die Publikumsbeteiligung zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor für den Journalismus wachsen. Zum einen als zusätzliches oder führendes Kriterium für die Aufmerksamkeit und die Identifikationskraft, die ein Medienformat gewinnt, vielleicht sogar für das daraus resultierende Einflusspotenzial, dies alles bestimmt seinen Marken- und Marktwert. Und aus diesem leitet sich ja auch die Attraktivität bei Werbekunden ab: Partizipationsgrad und Beteiligungsqualität gar als Faktor der Anzeigenpreisberechnung? Gleiches gilt für dem Stellenwert bei Sponsoring-Partnern, Förderern und Mäzenen, wie für die Rolle bei Politik und Verbänden. Ja, interessante Fragen, die es für Journalismusforscher wie Medienjournalisten lohnt, weiter zu verfolgen.

 

Weitere Dokumentationen zur Besser Online-Tagung finden sich auf den Websites des djv und zur Konferenz:

http://www.djv.de/startseite/infos/beruf-betrieb/rundfunk-und-online/onlinejournalisten/besser-online-2012-dokumentation.html

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