Peter Baldwin über „The Copyright Wars“. Foto: Stefan Maria Rother

Für den US-amerikanischen Historiker Peter Baldwin ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich im Wissenschaftsbereich das Prinzip des freien Zugangs zu Artikeln und Publikationen vollständig durchsetzt. Die Geschäftsmodelle der Wissenschaftsverlage haben für ihn keine Zukunft.

Der Historiker Peter Baldwin war Referent der Veranstaltung „The Copyright Wars“, die am Mittwoch im Rahmen der Reihe „Die neue Weltbühne“ in Berlin stattfand. Die Piraten-Politikerin Marina Weisband kommentierte den Vortrag. Am Rande führte iRights.info dieses Interview.Peter Baldwin ist Professor an der University of California, Los Angeles. Er forscht über das moderne Europa sowie die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates und der bürgerlichen Privatheit. 

iRights.info: Peter Baldwin, Sie haben sich als Historiker mit den Auseinandersetzungen über das Urheberrecht in den letzten drei Jahrhunderten beschäftigt. Sie sprechen von „Transatlantic Copyright Wars“. Was kennzeichnet die Kämpfe um das Urheberrecht in unserer Zeit?

Peter Baldwin: Nun, seit einigen Jahren wächst in den Bevölkerungen vieler Staaten eine Opposition, die sich gegen überzogene Ausdehnungen des Urheberrechts zu Wort meldet. Und diese ist durchaus wirksam, wie sich das beim Kampf gegen ACTA, SOPA und PIPA gezeigt hat. Die Tatsache, dass diese Abkommen und Gesetze – bei denen es ja nicht nur, aber auch um Urheberrechtsaspekte ging – nicht durchzusetzen waren, zwingt die daran beteiligten Regierungen dazu, sich etwas Neues zu überlegen. Daher würde ich sagen, dass sich entscheidende Auseinandersetzungen zwischen dem Bereich der Regierungen und Behörden einerseits, den Bevölkerungen andererseits abspielen.

iRights.info: Sie sagen, die treibenden Kräfte hinter den erwähnten Abkommen seien sowohl die großen Filmstudios und die Verlagswirtschaft als auch die großen Internet-Unternehmen aus dem Silicon Valley.

Peter Baldwin: Ja, richtig. Doch die Interessen der Internet- und Computerbranche auf der einen Seite und der Hollywood-Content-Industrie auf der anderen unterscheiden sich. Die involvierte Geschäftswelt als solche ist sich nicht mehr so einig, wie sie es in den 90er Jahren oder davor noch war. Und deshalb halte ich grundlegende Änderungen beim Urheberrecht und beim geistigen Eigentum momentan für gut möglich.

iRights.info: Sie schlagen vor, der gesamte Hochschulbetrieb und die aus öffentlicher Hand bezahlte Wissenschaft könnte auf Verwertungsrechte verzichten und alle dort entstandenen Werke frei zugänglich machen, Stichwort Open Access.

Peter Baldwin: In England und in den USA ändert sich tatsächlich seit ein paar Jahren einiges in diese Richtung. Dort gibt es bereits gesetzliche Regelungen, dass Artikel, die bisher in Zeitschriften veröffentlicht wurden, nun unter Open Access frei verfügbar sein müssen. An meiner Universität (UCLA) und an der Harvard-University ist das bereits so. Professoren erhalten nur dann staatliche Forschungs- oder Fördergelder, wenn sie sich an diese Open-Access-Regelung halten. Das sind strikte Vorgaben, die es vor drei Jahren noch nicht gab.

Die Engländer machen einen ähnlichen, aber denkbar großen Schritt, denn dort gehorcht die universitäre Forschung einem zentralisierten Fördersystem, folglich können sie ihre Akademiker darüber gut steuern. Natürlich sind viele der Professoren strikt dagegen. Doch die Regierung meint es absolut ernst damit, es wird so kommen.

iRights.info: Hier in Deutschland wird selbst um kleine Schritte hin zu Open Access sehr hart gerungen.

Peter Baldwin: Ja, ich weiß, dass es hier größere Widerstände dagegen gibt, die der von mir erwähnte Heidelberger Appell ja deutlich macht. Doch im Grunde stehen in dieser Frage nun die Sozial- und Humanwissenschaftler den Naturwissenschaftlern gegenüber. Die Naturwissenschaften haben sich längst für Open Access entschieden. Zudem gibt es die Berliner Erklärung zu Open Access, die mehr und mehr Zuspruch findet. Ich denke, die Sozial- und Humanwissenschaften sind zwar die Nachzügler, kommen aber nach und nach auch an Bord von Open Access.

iRights.info: In ihrem Vortrag arbeiteten Sie heraus, dass über die letzten drei Jahrhunderte betrachtet die europäischen Vorstellungen zu geistigem Eigentum und Urheberrecht nach und nach über die anglo-amerikanischen Konzepte siegten. Könnte das mit der schrittweisen Durchsetzung von Open Access in der Wissenschaft nun andersherum sein?

Peter Baldwin: So habe ich das selbst noch nicht gesehen, aber das könnte man sagen, ja. Es ist doch im Grunde recht einleuchtend: Für Leute, die ein Gehalt bekommen, die im Dienste des Staats oder der öffentlichen Hand arbeiten, gibt es doch keinen Grund, sich an Urheberrechtskämpfen zu beteiligen, die brauchen kein Copyright. Diese Einsicht setzt sich langsam durch.

iRights.info: Die großen, mittlerweile global agierenden Wissenschaftsverlage haben mit renommierten Publikationen noch immer eine gewisse Vormachtstellung.

Peter Baldwin: Völlig richtig, das sind die treibenden Kräfte, „Reed Elsevier“ und wie sie alle heißen. Doch auch in deren Sphären ändern sich die Dinge. Diese Verlage haben ihren Zenit erreicht oder überschritten, ihr Geschätsmodell wird nicht überleben. Obwohl sie nach wie vor wichtige und wertvolle Publikationen herausgeben wie „Science“ oder „Nature“, werden immer mehr wissenschaftliche Texte an ihnen vorbei publiziert. Es gibt bereits bekannte Open-Access-Journale, die bei den Zugriffszahlen „Science“ und „Nature“ gleichkommen.

Das gilt übrigens in der „Dritten Welt“ viel mehr als in der „Ersten Welt“, weil die Menschen dort nun umsonst lesen können, was ihnen bislang verwehrt blieb. Sie konnten es sich einfach nicht leisten. Ich denke, in zehn Jahren werden wir über Open Access als Standard in der Wissenschaft nicht mehr reden müssen.

iRights.info: Könnte Ihrer Meinung auch das amerikanische Prinzip des „Fair Use“ im europäischen Urheberrecht Eingang finden?

Peter Baldwin: Das ist zu hoffen. Wie wir wissen, sind die Franzosen die Fundamentalisten des Urheberrechts. Doch selbst dort diskutiert man mittlerweile über Fair-Use-Regelungen als ein mögliches Modell. Das Problem dabei ist kulturellen Ursprungs. „Fair Use“ ist eine sehr angloamerikanische Idee: statt konkete Regelungen in einem Gesetz festzuschreiben, überlässt man es den Richtern, über den „fairen Gebrauch“ urheberrechtlich geschützter Werke zu entscheiden.

Doch es ist nicht so einfach, diese Fair-Use-Prinzipien in die – sagen wir – ausgefeilteren europäischen Rechtssysteme zu importieren. Das hat auch damit zu tun, dass Europäer nicht ständig zum Gericht gehen wollen, sie wollen Klarheit. Die Amerikaner gehen viel öfter zum Gericht und lassen dort die Richter entscheiden. Das ist der Unterschied.

iRights.info: Marina Weisband plädierte in ihren Ausführungen für das Herabsetzen der Urheberrechts-Schutzfristen auf 20 bis 30 Jahre. Kann das gelingen?

Peter Baldwin: Die geltende Schutzfrist von 70 Jahren „steht“, und es ist gewiss schwierig, dies zurückzuschrauben. Womöglich ließen sich Lockerungen einführen, etwa dass man nach 50 Jahren als Rechteinhaber den Schutz aktiv geltend machen und die Schutzfrist so verlängern muss. So ließe sich die Frist zumindest partiell auf 50 Jahre senken. Doch im Grunde geht es bei der Frage nach den Schutzfristen wohl eher um die Interessen der Verwerter. Die sagen zwar, dass es die Urheber sind, die die möglichst langen Schutzfristen benötigen, damit sie von ihren Werken leben können. Doch am Ende haben nur die Verwerter etwas davon, weil die Autoren ihnen die Rechte ja vertraglich abtreten.

Allerdings: Ich würde fast wetten, dass wir keine weitere Verlängerung der Schutzfristen mehr erleben, weil das die Gesellschaft wohl nicht mehr mitmachen würde. Ich glaube, es gibt nun eine Sensibilisierung und eine „Jetzt ist es genug“-Haltung. Die Öffentlichkeit fragt sich, warum Schutzfristen und Urheberrechte immer weiter ausgedehnt werden sollen – für wen? Viele sind der Überzeugung: Das Maß ist voll, der Höhepunkt ist erreicht.

iRights.info: Ein allgemeiner Überdruss am ständigen Hickhack ums Urheberrecht?

Peter Baldwin: Ja. Vielleicht wird das Urheberrecht mit der Zeit auch ein Nischen-Gesetz, anstatt flächendeckend wirksam zu sein. Große Teile der Kulturproduktion entkoppeln sich ja vom Urheberrecht, wie beispielsweise Wissenschaft und Technologien, Natur- und Sozialwissenschaften und möglicherweise Humanwissenschaften. Die akademische Welt bewegt sich schon heraus und sie repräsentiert auch einen großen Wirtschaftsbereich.

In den USA sind – ich habe jetzt keine exakten Zahlen und kann es nur ungefähr sagen – etwa die Hälfte aller veröffentlichten Bücher Veröffentlichungen aus dem Hochschulbetrieb heraus. Dazu kommen die dort entstehenden Artikel, die in Periodika erscheinen – etwa die Hälfte, das ist eine Menge.

Das heißt, womöglich wird das Urheberrecht bald nur noch von jenen genutzt, die es wirklich wollen oder benötigen. Also Schriftsteller, Filmstudios, Publikumsverlage, die werden darum kämpfen und es anwenden. Aber, ganz ehrlich: Schert es mich, wenn Hollywood um irgendwelche Rechte an Vampirfilmen kämpft? Nicht wirklich.

Mich interessiert vielmehr, dass jeder in der „Dritten Welt“ und jeder in der „Ersten“ Welt die vielen Wissens- und Bildungstexte lesen kann, die an Hochschulen und in der Wissenschaft entstehen und durch Steuern oder Abgaben bereits bezahlt wurden. Das halte ich für viel wichtiger.

Dieser Beitrag ist ein Crosspost von iRights.info vom 14.3.2014

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